Endlich wieder in meinem Arm

Es ist dunkel um uns und du liegst in meinem Arm. Ich weiß, dass du da bist und dass du nun eingeschlafen bist. Ich kenne deinen ruhigen Atem, deinen Duft, deine Wärme. Ich streiche dir über dein lockiges Haar und mir rollt eine Träne über die Wange.

Ich kenne dich so gut. So viele Male habe ich dich so gehalten bis du einschliefst. So viele Male habe ich dich gehalten, gewiegt, dich begleitet bis du loslassen konntest vom Tag. So viele Male. Und doch scheint es eine Ewigkeit herzusein, dass ich dich das letzte Mal so halten durfte.So klein warst du als dein Brüderchen geboren wurde, nicht einmal zwei Jahre alt. Deine kleine Welt drehte sich um mich und manchmal wirklich nur um mich. Dann wurde plötzlich alles ganz anders und du musstest mich teilen. Wir haben dir erzählt wie es sein wird, dir erzählt, dass ich ein paar Tage weg sein werde. Dass wir dann ein Baby bekommen und du einen Bruder.

Was das bedeutet, konntest du nicht verstehen. Mein lieber großer Junge, ich erzähle dir etwas: Wir wussten es auch nicht! Wir wussten nicht, wie es sein wird mit zwei kleinen Kindern. Wir wussten nicht, wie es für dich sein wird. Aber wir wussten, dass wir uns so auf deinen kleinen Bruder freuten und dich von Tag zu Tag mehr liebten.

Vielleicht haben wir alles zu leicht genommen. Vielleicht waren wir nicht gut genug vorbereitet auf die Verletzung, die wir hinterlassen können bei dir. Du hast um mich gekämpft, hast versucht, mich allein bei dir zu haben. „Ich brauche meine Mama“ wolltest du rufen und ich konnte dich manchmal nicht verstehen. So erschüttert war ich von der Wucht deiner Gefühle, von deiner Eifersucht, deiner Freude über deinen Bruder und gleichzeitig deiner Trauer.

„Warum kann ich dir jetzt nicht so nah sein?“ fragten deine Augen, wenn ich deinen kleinen Bruder im Arm hielt, weil er mich jetzt auch brauchte. „Halt mich fest“ sagtest du mir, wenn du die Worte nicht finden konntest und zuschlugst. Und jedes Mal wenn ich dich dafür schimpfte, fühlte ich, wie ich dich ein bisschen mehr verlor, wie du immer tiefer und tiefer in den Nebel verschwandest, der um mich waberte. Im Nebel aus Müdigkeit und Erschöpfung. Aus purem Glück und Liebe. Aus Verzweiflung und Wut. Aus Überforderung und dem Willen, dir wieder nah zu sein.

„Der Junge braucht seine Grenzen. Er darf das Baby nicht schlagen!“ und ich wusste: So einfach ist es nicht! Ich wusste, dass ich dich brechen würde. Ich kann nicht kämpfen, nicht mit dir.

Deine Gefühle waren nie falsch, mein Kind! Ich bin nun da, wo ich vor vielen Monaten hätte sein sollen. Ich bin gewachsen, für dich, mit dir. Ich kann dir jetzt sein, was du brauchst: Dein sicherer Hafen. Dein starker Fels, wenn der Sturm tobt, um dich herum. In dir.

Danke, dass du gewartet hast!

Deine Mama

 

6 Kommentare

  1. Hallo Katharina.
    Mir kamen gerade die Tränen beim Lesen. Mir ging es ganz genauso. Meine Mädels sind im Juli 2015 und im März 2017 geboren.
    Liebe Grüße, Jessica

    • Katharina

      Liebe Jessica,
      dann habt ihr ja fast den gleichen Abstand wie wir. Ich glaube, es muss nicht so sein aber oft ist es doch so…wir können es aber jeden Tag ein bisschen besser machen.
      Ich wünsche dir viel Kraft und alles Liebe!
      Deine Katha

  2. Hallo Katharina,
    Ich habe Tränen in den Augen, denn ich kann es so gut nachvollziehen. Meine Jungs sind viel weiter auseinander (3,5 Jahre), aber die Eifersucht ist hier auch sehr stark. Die Tritte, Schläge gegen den kleinen Bruder, die Forderungen aus dem Umfeld, den Großen in die Schranken zu weisen… Nur einen Unterschied gibts es: unser Großer ist ein Papabub. Das sollte es einfacher machen, tuts aber nicht. Der Abstand zwischen ihm und mir ist manchmal rießig…..und mir bricht das Herz. Ich liebe Ihn soo sehr und komme doch kaum in Verbindung…
    Manche Tage sind besser, mache Tage sind schlechter. Es wird hoffentlich noch werden….
    Liebe Grüße
    Petra

    • Katharina

      Liebe Petra,
      eigentlich ist es hier genauso. Der Große war immer sehr auf mich bezogen bis der kleine Bruder kam. Dann drehte sich alles nur noch um Papa. Ich glaube, das war eine ganz nützliche Strategie, sich an den Erwachsenen zu wenden, der nun verlässlicher für ihn da war. Vielleicht war es bei euch auch so?
      Ich weiß, was du meinst, wenn du sagst, dass es das schwerer macht. Wenn der Papa da war, kam ich auch so schlecht zu ihm durch. Gib nicht auf! Jeden Tag kannst du wieder an eurer Beziehung arbeiten und es wird besser! Dein Kind liebt dich, sei dir sicher.
      Liebe Grüße,
      Katha

  3. Iris Ingelmann

    Vielleicht macht es dich traurig weil es dir als Kind selbst so ging. Mich macht das auch traurig.

    • Katharina

      Ja, bestimmt kennen das viele „große“ Geschwister. Aber ich denke, man wächst irgendwann rein, sowohl die Eltern als auch die Kinder 😊

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