„Nein heißt Nein“, oder: Das eigene Selbstwertgefühl stärken, um das Kind zu schützen

„Nein“ schreit mein Großer mit seinen fast 3 Jahren, „Nein, du sollst kein Foto von mir machen!“. Wir haben uns mit einer Bekannten zum Gassi gehen mit ihren zwei Hunden getroffen. Ich habe die Bekannte schon lange nicht mehr gesehen, der Große kennt sie gar nicht und ist trotzdem den ganzen, langen Spaziergang mitmarschiert, hat mit den Hunden gespielt und Kontakt aufgebaut. Doch jetzt ist er müde, will nach Hause, kann nicht mehr laufen und diese fremde Person macht etwas, was er nicht will…

Ganz stolz ist er im Wald auf einen großen Hügel geklettert, steht dort, umwuselt vom eigenen und den zwei fremden Hunden. „Mama, guck mal!“ Ich stehe unten, staune und freue mich mit ihm als die Bekannte gleich das Handy zückt. Sie ist selbst Oma und kennt solche Momente, die einfach so schön sind und festgehalten werden wollen – knips, knips – schnell sind ein paar Fotos gemacht.

„Nein, du sollst kein Foto von mir machen!“ schreit mein Großer sie an. Die Bekannte lächelt. Wutausbrüche von Kindern kennt sie und sie weiß damit umzugehen, denkt sie. Sie macht weiter – knips, knips. „NEEEEIN“ schreit es vom Hügel herab und ich merke wie mich diese Situation herausfordert, belastet.

Die Integrität des Kindes schützen: Wie mache ich das eigentlich?

Ich bin hin und hergerissen. Ich möchte mein Kind dabei unterstützen, dass sein Wille gehört wird und seine Würde respektiert wird. Nein heißt Nein, dabei will ich ihn unterstützen, das will ich ihm vermitteln. Mein Grundsatz ist klar: Wenn meine Kinder etwas nicht wollen, dann verletze ich nicht ihre Integrität. Ein Nein sollte immer ein Nein sein dürfen und als solches gehört und akzeptiert werden. Doch heißt es das wirklich für mich? Und ich realisiere, dass genau das meine eigene Herausforderung ist, mein Kampf für das kleine Mädchen in mir.

Ich erinnere mich nicht bewusst an Situationen, in denen ich als Kind keine Stimme hatte, mein Nein übergangen wurde. Aber es muss sie gegeben haben, so wie es zu der Zeit üblich war und so wie es heute auch noch oft üblich ist. Es muss sie gegeben haben, diese Situationen, in denen ich etwas nicht wollte und es doch gemacht werden musste, in denen ich Angst hatte, verzweifelt war und mich allein gelassen fühlte. Es muss diese Situationen gegeben haben, in denen ich langsam aber sicher realisierte, dass mein Nein nicht gehört wird und nicht erwünscht ist. Es muss sie gegeben haben, denn ich erinnere mich an viele Situationen als Jugendliche und Erwachsene, in denen ich keinen Mut hatte Nein zu sagen und stattdessen meine Angst, meine Wut und inneren Dämonen weglächelte. Ich erinnere mich an so viele Situationen, in denen ich innerlich Nein schrie und nach außen hin lächelte, funktionierte, weil man es eben so machte. Weil man so geliebt wird?

„Egal was dir gerade passiert, du hast immer ein Lächeln übrig“ sagte meine Hebamme zu mir, als sie nach der Geburt des Babysohnes zu uns kam. Ich nahm es als Kompliment auf. Ich bin eben ein fröhlicher Mensch, mich kann nichts umhauen und ich schaue immer positiv nach vorn. Doch was sie dann sagte, erschütterte mein Selbstbild: „Katharina, du hast innerhalb von drei Jahren ein Kind verloren, dein großer Sohn hatte eine schwere Kopf-OP und die Geburt des Kleinen war so enttäuschend und traumatisch für dich. Du musst nicht lächeln, du darfst weinen!“ Ich weiß nicht mehr, was mir alles durch den Kopf schoss, doch der Damm war plötzlich gebrochen und ich weinte, endlich. Stunden, Tage und Wochen, bis all‘ der Schmerz hinausgeweint war und ich etwas Ruhe finden konnte. Ich durfte trauern, solange wie es dauerte und ich durfte zeigen, dass ich doch verwundbar war, dass auch ich Grenzen habe. Ich habe irgendwo auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen die Verbindung zu meinem inneren Ich eingebüßt und es ist ein Stück harte Arbeit, diese Verbindung wieder aufzubauen.

Der inneren Stimme folgen? Lieber nicht!

Und nun steht mein Kind dort oben auf dem Hügel und schreit so selbstverständlich heraus, was er will und was er nicht will. So selbstbewusst, so gerade heraus, so überzeugt davon, dass das, was er sagt, für jeden nun klar sein muss.

Er will nicht, dass ein Foto von ihm gemacht wird und sein Wunsch wird ignoriert. Ich sollte ihn unterstützen und der Bekannten nachdrücklich klar machen, dass sie bitte aufhören sollte Fotos zu machen. Doch innerlich schüttelt es mich. Ich merke, wie ich die Situation wieder weglächeln will, wie ich mich zu ihr umdrehen will mit einem verbündeten Augenzwinkern, das soviel sagt wie „Kinder, kennste ja“ und meinem Kind zuraune, dass das ja wohl nicht so schlimm sei. Mein erster Impuls ist, dass ich mich mit der erwachsenen Person gutstellen und mein Kind beschwichtigen will, so wie ich es schon so viele Male miterlebt und gesehen habe. Der Impuls das alles zu tun und mein Kind zu verraten, um nicht für ihn Nein sagen zu müssen, ist so stark und so falsch.

Das eigene Selbstwertgefühl stärken – für mich und meine Kinder

Ich ringe mit mir, denn das ist mein Kampf, den ich für mich selbst bislang nicht bereit war zu kämpfen. Für meine Kinder werde ich ihn kämpfen und ihre Integrität schützen. Ich lege meiner Bekannten die Hand auf die Schulter und bitte sie, keine Fotos mehr zu machen. Die Worte schleppen sich über meine Lippen, ich merke wie ich innerlich zittere. Wovor habe ich Angst? Ich habe diese Frau doch schon ewig nicht mehr gesehen. Es könnte mir egal sein, was sie jetzt von mir denkt. Tief im Inneren ist es das aber nicht. Ich gehe zu meinem Großen und helfe ihm vom Hügel herunter zu klettern.

Nein heißt Nein. Obwohl es das Einfachste der Welt sein sollte, meinen Kindern das zu vermitteln, muss ich so hart dafür an mir arbeiten. Ich muss dafür lernen, selbst Nein zu sagen und es mir selbst wert sein dafür zu kämpfen. Ich bin es wert, dass ich um meiner Selbst willen geliebt und gewertschätzt werde. Ich bin gut so wie ich bin. Mich selbst genug zu lieben, um lautstark Nein zu sagen wird meine große Herausforderung sein. Die Tipps, die mir bislang am meisten dabei geholfen haben, habe ich hier für dich gesammelt:

3 Tipps für mehr Selbstliebe

1. Behandle dich selbst so, wie du von anderen behandelt werden willst

Oft erwische ich mich dabei wie ich mir wünsche, dass andere mir Aufmerksamkeit schenken oder mir etwas Gutes tun. Zum Beispiel wünsche ich mir dann, dass mein Mann mir einen freien Abend schenkt oder mich mit einer heißen Badewanne überrascht. Wann erfülle ich mir selbst diesen Wunsch oder setze mich dafür ein, dass er erfüllt wird? Ich kann lange darauf warten, dass andere Menschen meine Gedanken lesen. Sehr wahrscheinlich wird das nicht geschehen. Deswegen liegt es an mir selbst meine Bedürfnisse und Wünsche zu entdecken und zu erfüllen und zu mir selbst gut zu sein.

Zu sich selbst gut zu sein bedeutet für mich auch, mit sich selbst gütig zu sein, mit sich selbst geduldig zu sein und sich nicht für jeden Fehler innerlich zu zerfleischen. Das ist gerade für uns Mütter wichtig. Wir machen so vieles so gut: Wann sind wir wirklich stolz auf uns?

2. Nimm Komplimente an

Erst vor Kurzem sagte eine Freundin mir, dass ich aber frisch und gut aussehen würde als wir uns zum Play-Date trafen. „Ach, DU siehst gut aus. Ich bin übernächtigt und habe tausend Flecken auf der Hose.“ ging es mir reflexartig über die Lippen. Komplimente lassen mich ziemlich schnell zum Gegenangriff ausholen: Bloß schnell reagieren und mich selbst wieder kleiner machen. Dabei sind Komplimente in den meisten Fällen doch wirklich nett gemeint. Es wäre so schade, wenn sie verpuffen oder wir sie benutzen, um uns noch weniger wertvoll zu fühlen. Ein einfaches und ehrliches Danke reicht doch aus.

3. Feier Erfolge und schau auf das, was dir gelingt

Ein Wutanfall nach dem nächsten und Zoff beim Abendessen. So schnell bleiben die fahlen Situationen hängen und verdecken den Blick auf alles, was richtig gut gelaufen ist. So oft gehe ich abends zu Bett und denke, was für eine schlechte Mutter ich gewesen bin, weil xy nicht so geklappt hat oder ich nicht die sein konnte, die ich gerne wäre. Das ist so schade, denn darüber vergessen wir, wieviel Freude wir mit unseren Kindern hatten, in wievielen 10.000 Situationen wir wirklich und wahrhaftig die Mutter waren, die wir sein wollen und wie geduldig, warmherzig und wundervoll wir sind. Wir vergessen darüber die vielen Momente, die schön waren und die uns helfen stolz auf uns zu sein.

Wir haben abends das Ritual eingeführt, dass wir uns sagen, welche drei Dinge am Tag wirklich schön für uns waren und wo wir stolz auf uns waren. Das schärft den Blick auf das Positive und oft staune ich, was mir alles dazu einfällt.

Die eigenen Kinder zu begleiten, sie so zu lieben wie sie sind und sie in ihrer Autonomie zu unterstützen, sollte für uns das Einfachste der Welt sein und doch ist es das nicht. Wir selbst haben unsere eigenen Dämonen, die wir mit uns herumschleppen und sie in der hintersten Ecke unserer Seele einschließen. Sie gehören zu uns! Um unseren Kindern authentisch zu begegnen und sie so lieben zu können wie sie sind, müssen wir uns selbst so lieben wie wir sind.

Das kleine Mädchen in mir möchte meinem Sohn danken, für seine Beharrlichkeit, für seinen Mut. Bleib‘ so wie du bist, kleiner Mann und sag‘ laut und deutlich deine Meinung!

Kennst du deine eigenen Dämonen? Wo hindern sie dich daran, dich wertvoll und gut zu fühlen? Kennst du auch diese Situationen, in denen ein Nein so gern überhört wird?

Schreib mir deine Erfahrungen doch gerne in die Kommentare, damit auch andere davon profitieren können.

Deine Katha

2 Kommentare

  1. Das Nein des Kindes verteidigen – das ist auch für mich immer noch schwierig! Dass ich auf einem guten Weg bin, hat mir meine 4jährige Tochter neulich gezeigt. Ich erzählte ihr, dass ich als Kind mein Ponyfrisur wirklich gehasst habe. Sie: „Aber das sind doch Deine Haare – das darf doch niemand anderes entscheiden, wie sie aussehen sollen! Das ist wirklich gemein!“

    • Katharina

      Ach, das ist doch schön, wenn man von seinem Kind auch Feedback bekommt 😉 Das motiviert doch echt! Von den ganz Kleinen bekommt man das tatsächlich ja auch. An solchen Tagen, an denen scheinbar alles wunderbar leicht ist, blicke ich gern zurück und sehe, dass es auch an meiner inneren Haltung lag.

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