„Mama, warum bin ich gefallen?“ – Wie wir lernen wieder aufzustehen

Mein Kind ist gestürzt. Nicht das erste Mal, aber das erste Mal so heftig, dass ich wirklich richtige Angst hatte. Ich hatte Angst um ihn, wirkliche Angst. Angst um sein Leben hatten wir bereits, das Gefühl kennen wir. Der Tag seiner Geburt hätte genauso auch eine andere Wendung nehmen können und dann war da auch noch seine Operation. Beides war irgendwie etwas anderes, denn in beiden Situationen wussten wir, dass auch etwas passieren könnte. Sein Sturz aber kam aus heiterem Himmel.

Wie gehen wir Menschen eigentlich mit den großen und kleinen Stürzen in unserem Leben um? Wie leicht fällt es uns, wieder aufzustehen? Und woher nehmen einige die Kraft, immer wieder auszustehen während andere irgendwann zusammenbrechen? Ich frage mich manchmal voller Sorge welche großen Herausforderungen, Stürze, Gräben und Abgründe sich vor unseren Kindern in ihrem Leben auftun und wie wir ihnen helfen können, genug Stärke in sich selbst zu finden, mit allen Widrigkeiten umgehen zu können.

Ein tiefer Sturz

Unser Haus ist alt, beinahe 100 Jahre steht es hier an diesem Fleck. Es hat schon viel gesehen und gehört. Eine steile, knarrige Treppe führt vom großen Flur in das Obergeschoss. Auch diese Treppe hat schon viel gesehen, hat vielen kleinen und großen Füßen Halt gegeben auf ihrem Weg nach oben oder unten. Wenn sie reden könnte, dann würde sie uns viele Geschichten erzählen: von stampfenden und wütenden Schritten, die die Treppe zum Beben brachten, von kleinen Kinderfüßen, die das erste Mal auf ihr hinaufkletterten, von verliebten Paaren, die sich auf ihr küssten und von den kleinen und großen Ausrutschern, die auf ihr passierten. Heute ist sie um eine Geschichte reicher geworden.

Wir sind oben, der Babysohn, der große Sohn und ich. Draußen ist es heute regnerisch und stürmisch und wir beschließen in die Bücherei zu fahren. Der Große freut sich und weiß schon genau, nach welchen Büchern er Ausschau halten möchte. Er geht zur Treppe, die er schon so viele Male hoch und runter gegangen ist. Anfangs ging er an der Hand, dann gingen wir vor oder hinter ihm, hielten unsere Hände schützend bereit, um ihn auffangen zu können und jetzt nimmt er schon einige Zeit sehr zielsicher und selbstbewusst diese Treppe. Jedes Mal sehe ich ihm dabei zu mit einer Mischung aus Stolz und Angst.

Dieses Mal ist er vor mir an der Treppe. Ich möchte mich an ihm vorbeischlängeln, um vor ihm hinunter zu gehen und lasse es doch sein. Er ist schon auf der ersten Stufe und ich weiß, dass er es kann.

„Bitte fall‘ nicht!“ denke ich und spreche es nicht aus. Stattdessen sage ich noch „Bitte halt dich gut fest“. Er weiß, wo er sich festhalten kann. Er weiß, dass er am äußeren Rand der engen Wende entlanggehen soll, nicht an der inneren, wo die Stufen so klein sind. Er weiß, dass es besser ist auf dem Teppich zu gehen, den wir aufgeklebt haben, damit niemand auf der Treppe ausrutscht. Er weiß es und entscheidet sich heute dagegen. Ich sehe ihn vor mir die Treppe hinuntersteigen, sehe, wie er an der inneren Seite steht, wie er nicht mehr weiter weiß. Ich sehe wie er überlegt wie es weiter gehen soll. Er scheint sich daran zu erinnern was wir ihm so viele Male gesagt und gezeigt haben und ändert seinen Kurs.

„Nein“ will ich ihm zurufen als ich sehe, wie seine kleine Hand ins Leere greift. Ich habe den Babysohn auf dem Arm, halte ihn ganz fest. Ich sehe, wie sein großer Bruder, selber noch so klein, stolpert und die Treppe hinunter fällt. Sekunden fühlen sich für mich an wie Stunden. Ich sehe ihn fallen und will die Zeit anhalten. Jeden einzelnen Moment, den ich in Zeitlupe mitansehen muss, will ich packen und zum Stehenbleiben zwingen. Ich will an meinem Sohn vorbei eilen und ihn halten, ihn auffangen. „Oh nein, oh nein, oh nein“ höre ich mich selbst mit zittriger Stimme flüstern als ich die Treppe hinunter steige. Ich halte die Luft an. Er ist bis nach ganz unten gefallen und liegt jetzt dort auf dem kalten Steinboden. „Bitte bleib nicht liegen, bitte steh auf!“ sind meine ersten Gedanken. Und er steht auf, weinend, schluchzend, zitternd, so wie ich.

Ich setze das Baby ab und es krabbelt munter im Flur herum als wäre nichts geschehen. Meine kalten, schweißnassen Hände greifen nach meinem großen Sohn und halten ihn ganz fest. „Ich bin bei dir, ich halte dich“ sage ich ihm. Sage ich es ihm oder mir?

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

— J. W. von Goethe

Als ich meinen Sohn halte, sehe ich ihn an, kontrolliere ob er blutet, sehe mir seine Pupillen an, streichle ihn und halte ihn ganz fest, um ihn zu trösten und um zu überprüfen ob etwas gebrochen ist. Er hat Schürfwunden und eine Beule am Kopf, die noch an Größe gewinnen wird, aber ich bin erleichtert. Es ist alles gut gegangen! Er ist hier, er ist nicht stark verletzt, ich bin hier. Ich zwinge mich dazu, wieder ruhiger zu atmen, konzentriere mich darauf tief ein- und wieder auszuatmen. Ich wiege ihn im Arm, sage: „Ich bin da. Ich halte dich.“ Ich merke, wie auch er ruhiger atmet, ich nehme ihn mit in meinem Rhythmus. Sein Schluchzen wird leiser bis es schließlich ganz verebbt und er mich fragt: „Warum Mama? Warum bin ich gefallen?“

Innerlich ringe ich mit einer Antwort. Ja, warum bist du nur gefallen? Hätte ich das verhindern können? Habe ich versagt? Habe ich Schuld? Nein, weder ich habe Schuld noch du! Soviele Male haben wir dich über die Treppe getragen, dich an der Hand darüber begleitet, dich gestützt und dir Sicherheit vermittelt. Soviele Male bist du sicher hoch und hinunter gestiegen, hast dich erprobt und bist selbstbewusster geworden. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, so würde ich deinen Sturz zu verhindern versuchen: Ich würde vor dir die Treppe hinuntergehen und deine kleine Hand sicher zum Geländer führen. Dieses Mal. Und dann würde ich wieder darauf vertrauen, dass du es kannst. Weil ich weiß, dass du es kannst.

Meine Antwort auf seine Frage ist so einfach wie ernüchternd: „Mein Schatz, manchmal fällt man einfach. Du bist gestolpert und gefallen und ich bin da, um dich zu trösten.“ Und ich denke daran wie viele Male ich schon gefallen und wieder aufgestanden bin. Kleine Stürze und große Stürze, die mich zum Teil zu der machten, die ich heute bin. Wieviele Stürze diese alte Treppe wohl schon miterlebt hat…

Und in diesem Moment wird mir klar, dass es so weiter gehen wird, dass das nicht der letzte Sturz bleiben wird. Mit der gleichen Wucht als wenn ich selbst die Treppe hinunter gefallen wäre, wird mir klar, dass das meine Aufgabe als Mama ist: Ich werde meinen Kindern zeigen, wie manche Dinge funktionieren können, wie sie die Treppenstufen ihres Lebens erklimmen können. Ich werde ihnen helfen, sich neue Fähigkeiten anzueignen und dann werde ich sie loslassen, sie eigene Entscheidungen treffen lassen. Sie werden viele Male erfolgreich sein und viele Male stürzen. Ich werde jedes Mal daneben stehen, sie begleiten, sie unterstützen solange wie sie mich brauchen und dann irgendwann werden sie ihren eigenen Weg gehen. Ich werde ihnen vertrauen. Sie werden sich entscheiden, die Dinge so zu tun wie wir oder eben ganz anders. Es ist immer ihre Entscheidung. Sie werden viele Stürze im Leben hinnehmen müssen und ich werde immer da sein, um ihnen aufzuhelfen und ihnen Mut zu machen, die Treppe gleich wieder hinauf oder hinunterzusteigen.

„Unser größter Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.“

Nelson Mandela

Diese Erkenntnis tut weh. Nein, ich will nicht sehen wie meine Kinder fallen, wie sie sich verletzen und wie sie stürzen, wie sie weinen und mich fragen: „Warum Mama? Warum bin ich gefallen?“ Alles in mir schreit danach, sie zu beschützen und doch weiß ich, dass das leben bedeutet. Zu leben bedeutet, eigene Entscheidungen zu treffen und neue Wege zu gehen, zu fallen und wieder aufzustehen.

Hinfallen und aufstehen – wofür wir Resilienz brauchen

Wir alle fallen gelegentlich. Manche von uns erleben herbe Schicksalsschläge, sogar traumatische Erlebnisse. Wenn ich an meine Großeltern denke, dann denke ich ebenso an ihre Kindheit in unsicheren Kriegszeiten und wie sie sich nach der Schule im Wald verstecken mussten, manchmal Stunden oder Tage lang. Aber auch in vermeintlich sicheren Zeiten müssen wir Belastungen aushalten und Rückschläge hinnehmen können: Der Verlust des Arbeitsplatzes, Armut, Wohnungsverlust, der Verlust eines lieben Menschen und viele andere Erlebnisse können uns in die Knie zwingen und uns den Boden unter den Füßen verlieren lassen. Viele Menschen stehen nach schlimmen Erlebnissen wieder auf und machen weiter, einige können das eben nicht.

Was wir brauchen, um mit den großen Schicksalsschlägen im Leben umgehen zu können und nicht daran zu zerbrechen, nennt sich Resilienz. Die Resilienz oder seelische Widerstandskraft kann helfen, Stärke in sich selbst zu finden, wenn alles um einen zu zerbrechen scheint. Wenn Menschen resilient sind, dann bedeutet das nicht, dass es ihnen egal ist, wenn ihnen etwas Schlimmes widerfährt. Nein, auch sie sind erschüttert, brauchen ihre Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. Aber sie finden die Kraft in sich selbst, ihr Leben weiter zu leben und wieder aufzustehen.

Mittlerweile weiß man, wie Menschen resilient werden, also eine so flexible Seele „trainieren“. Einerseits machen Forscher die Genetik verantwortlich, die sich positiv auswirken kann. Durch positive Schutzmechanismen im Laufe der Kindheit kann aber auch der resilient werden, dem diese Fähigkeit nicht in die Wiege gelegt wurde. Positiv auf das Erlernen von Resilienz wirken sich eine starke und sichere Bindung zu mindestens einer Bindungsperson aus. Außerdem ist es wichtig, dass schon Kinder ihre Selbstwirksamkeit erfahren. Kinder sollen sich als wichtiger und wertvoller Teil der Gesellschaft verstehen können, die sie mit bereichern. Sie sollen erfahren, dass sie Dinge bewirken können und es schaffen, sich selbst zu entwickeln.

Was heißt das für uns Eltern?

Diese Erkenntnisse zeigen mir, dass es nicht nur okay ist, dass mein Kind auch mal stürzt. Es ist sogar wichtig für die gesunde Entwicklung seiner Seele. Immer wieder lesen wir von dem Prinzip, den Kindern „Wurzeln und Flügel“ zu geben: Die Wurzeln sind eine verlässliche und zugewandte Bindung zu uns Eltern und unsere helfende Hand bei ihrem nächsten Entwicklungsschritt. Da zu sein, wenn unsere Kinder uns brauchen und loszulassen wenn sie den nächsten Schritt allein gehen können. Ihre Flügel entfalten sie dann, wenn wir sie dabei ermutigen und ihnen vermitteln: „Du bist wertvoll, du kannst etwas bewirken. Ich vertraue dir, dass du das schaffst!“

Flügel entfalten mit Vertrauen und Freiheit

Ich werde meinen Kindern die Erfahrungen nicht nehmen können und wollen, die das Leben ausmachen, sowohl die positiven als auch die negativen. Sie werden an den negativen Erfahrungen nicht scheitern, sie werden an ihnen nicht zerbrechen. Sie werden sie sich ansehen, darüber nachdenken und an ihnen wachsen. Darauf vertraue ich ganz fest.

Sie werden mich vielleicht fragen: „Mama, warum bin ich gefallen?“ Ich werde sie an der Hand halten und sie begleiten solange sie mich brauchen und dann werde ich sie voller Zuversicht loslassen. Manchmal werde ich zusehen müssen wie sie fallen, so wie heute. Aber ich werde immer da sein und sie auffangen, sie ermuntern wieder aufzustehen und wieder selbstbewusst ihren Weg zu gehen.

Ich werde vielleicht sehen wie sie das erste Mal mit dem Fahrrad stürzen, wie sie sich das erste blutige Knie holen, ich werde mir mit schwerem Herzen anhören, wie sie im Kindergarten geärgert wurden oder wie ein Mitschüler gemein zu ihnen war, ich werde da sein, wenn sie den ersten Liebeskummer haben. Ich werde da sein, wenn sie mich brauchen und ich werde loslassen wenn sie mich nicht mehr brauchen. Ich werde sie jedes Mal trösten und sie in ihrem Schmerz begleiten, wenn sie es zulassen und genauso werde ich loslassen, wenn sie bereit sind, sich selbst aufzurappeln, den Staub abzuklopfen und weiter zu machen.

Ich wünsche meinen Kindern nicht, dass sie niemals fallen.

Ich wünsche meinen Kindern, dass sie nach jedem Sturz immer wieder aufstehen.

Was wünscht du dir?

 

Deine Katha

 

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