Wie Glaubenssätze die Beziehung zu deinem Kind beeinflussen

Sonnenblumenfeld

Jeder von uns trägt sie mit sich herum, sie bestimmen zu einem großen Teil unser Leben und unsere Beziehungen und oft sind sie ein Relikt aus unserer Kindheit: Glaubenssätze. Sie sind innere Botschaften, die in uns widerhallen und unsere Entscheidungen beeinflussen – oft unbewusst. Wenn wir authentische Beziehungen leben wollen, ist es wichtig, dass wir uns unserer inneren Glaubenssätze bewusst werden und die störenden hinter uns lassen.

Was sind Glaubenssätze?

Glaubenssätze sind Annahmen, die wir mit einem Gefühl der Sicherheit vertreten. Sie sind ein Produkt vieler verschiedener Erfahrungen und Erlebnisse und verankern sich als „Lebensregeln“ in unserem Inneren.

Glaubenssätze eignen wir alle uns im Laufe des Lebens an. Vielleicht haben wir immer wieder eine Botschaft gehört oder vorgelebt bekommen, die uns dann zuteil wird. Von unseren Eltern, von unseren Großeltern, von unseren Lehrern… diese Botschaften wurden uns vielleicht gar nicht bewusst mitgegeben.

Glaubenssätze können unheimlich beflügeln und Kraft schenken. Wenn du einen positiven Glaubenssatz in deinem Inneren trägst, kann er dir immer wieder Kraft geben, weiter zu machen und an dich selbst zu glauben. Eine positive Grundeinstellung wie „Ich kann alles schaffen, wenn ich es nur will“ bestärkt dich, deine Träume zu verfolgen und zu verwirklichen. Ebenso können Glaubenssätze dich aber auch beschränken und dich immer in die falsche Richtung laufen lassen.

Als Kinder haben wir vielleicht nicht nur positive sondern auch stark lenkende und negative Glaubenssätze vermittelt bekommen. Hast du oft gehört, dass „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“ oder dass du „groß und stark wirst, wenn du nur aufisst“? Bestimmt hast du diese Grundeinstellung zum Essen auch für dein Erwachsenenleben übernommen.

Oder dir wurde als Kind häufig gesagt, dass du für bestimmte Sachen noch zu klein bist? Daraus kann sich ebenfalls ein Leitsatz entwickeln, der dich denken lässt nicht zu genügen oder noch nicht gut genug zu sein.

In erster Linie sind diese Aussagen nicht negativ gemeint. Sie resultieren einfach aus Sorgen und Erklärungsversuchen von erwachsenen Bezugspersonen und sind meist Relikte aus der eigenen Erziehung. Oftmals steht auch hinter solchen „Lebensregeln“ ebenfalls nur der Wunsch, seinen Kindern die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, selbstständig und glücklich zu werden.

Viele negative Glaubenssätze über Kinder sind sogar das Produkt von vielen Generationen, die einem heute bereits widerlegten Wissen über Kinder- und Babyzeit entspringen, wie du zum Beispiel sehr schön im Blog „Geschichte der Säuglingspflege“ nachlesen kannst.

Wo schränken Glaubenssätze das Familienleben ein?

Bestimmte Glaubenssätze können unsere Beziehungen bestimmen.

Nicht zuletzt auch die Beziehungen zu unseren Kindern. Wenn wir unser Familienleben gestalten und die Beziehung zu unseren Kindern leben wollen, kommen wir häufig an den Punkt uns zu fragen, was uns selbst wichtig ist.

Wenn Kinder beginnen autonomer zu werden, ihren eigenen Charakter herauszubilden und in der sogenannten „Trotzphase“ (besser: Autonomiephase) stecken, kommen wir als Eltern häufig an unsere Grenzen. Besser gesagt, wir müssen unsere Grenzen überhaupt erst kennenlernen.

Denn ist es wirklich so, dass das Kind meine eigene Grenze überschreitet, wenn es morgens den Schlafanzug nicht ausziehen will? Wahrscheinlich ist es eher so, dass ich viel Wert darauf lege, was die anderen Menschen denken, wenn sie sehen, dass mein Kind mittags noch den Schlafanzug anhat. Und wahrscheinlich wünsche ich mir insgeheim, dass andere sehen, dass ich eine gute Mutter bin. Häufig steckt dahinter die Annahme, dass Eltern ihren Job gut machen, wenn die Kinder gehorchen: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, machst du, was ich sage“ und „brave/liebe/gute Kinder gehorchen“.

Uralte Sätze und total antiquiert, so würde ich nie mein Kind erziehen! Bewusst tun die meisten von uns das bestimmt nicht und doch wirken diese Sätze, die wir vielleicht als Kind gehört haben, weiter. Wir sollten uns also bei unseren Entscheidungen unserem Kind gegenüber fragen, ob sie uns selbst persönlich wichtig sind oder wir sie einfach nur übernommen haben.

Wie Glaubenssätze unsere Beziehungen beeinflussen

Es sind nicht immer nur die Glaubenssätze, die wir als Kind aufgesaugt haben, die uns beeinflussen und unsere Beziehungsqualität zu unseren Kindern, zu unserem Partner und zu anderen Personen beeinflussen. Wir eignen uns ebenso neue Glaubenssätze an, die uns lenken und einschränken können. Dazu habe ich gerade vor ein paar Tagen ein sehr erhellendes Erlebnis mit meinem Großen gehabt:

Bevor der kleine Babysohn auf die Welt kam, drehte sich die Welt meines Großen fast komplett um mich. Wir verbrachten ganz viel Zeit miteinander, er schlief bei mir im Bett, auch wenn der Papa zum erholsamen Schlafen mal auszog und wollte noch viel getragen werden. Wir waren ein eingespieltes Team.

Natürlich bereiteten wir ihn altersgemäß auf die Geburt seines kleinen Bruders vor und auch darauf, dass Mama dann vielleicht ein paar Tage im Krankenhaus schlafen müsste. Dann kam es so und der große Sohn und sein Papa wurden ein eingespieltes Team. In der ersten Babyzeit nahm mein Mann den Großen oft mit zu Besorgungen, kochte mit ihm und spielte viel mit ihm allein, damit ich das Baby in Ruhe stillen, pflegen und eine sichere Bindung zu ihm aufbauen konnte.

Irgendwann wurde ich ziemlich „uninteressant“ für den Großen und er wollte am liebsten nur noch mit Papa spielen, bei ihm schlafen, mit ihm kuscheln. Ich war abgeschrieben…Autsch! Das tat weh! Und doch wusste ich, dass es ganz richtig und wichtig für mein Kind war, da ich ja gar nicht immer 100%ig für ihn da sein konnte. Da war ja seit einiger Zeit wieder ein Baby, was mich auf jeden Fall 100%ig brauchte! Bei mir verfestigte sich unbewusst die These „Mein Großer lehnt mich ab“.

Dann durfte ich ihm mittags und abends vor dem Schlafen nicht einmal mehr „Gute Nacht“ sagen.

Der Papa: „Willst du Mama Gute Nacht sagen?“ – „Nein!“…

Ich (beuge mich zu ihm, will ihn küssen): „Gute Na…“ – „NEEEEIIIIN, NEIN, NEIN!!! Mama soll nicht Gute Nacht sagen!“ (schreiend, tretend, nach mir hauend)

Also ging ich Abend für Abend geknickt aus dem Zimmer und sagte ihm mit gebührendem Abstand, dass ich ihn sehr liebe und ihm schöne Träume wünsche – Luftkussi-schickenderweise.

„Mein Kind lehnt mich ab“. Wider meiner festen Überzeugung, dass mein Sohn mich über alles liebt und ich ihn über alles liebe, brannte sich dieser Glaubenssatz in mein Gehirn. Was hatte ich ihm getan? Tagsüber hatten wir eine wundervolle Beziehung (ja, mit Höhen und Tiefen!…aber trotzdem auf einer vertrauensvollen Basis), abends dann aber immer das Drama. Bis vor ein paar Tagen.

Mein Mann kam mit dem Großen auf dem Arm zu mir und dem Baby, um „Gute Nacht“ zu sagen und schon ging es wieder los. Keiner durfte irgendjemandem „Gute Nacht“ sagen geschweige denn Kussis geben. Mein Mann sah mich an und fragte ihn: „Was ist denn los? Warum willst du das denn nicht?“ und ganz nebenbei, während ich noch dem Babysohn den Schlafsack anzog, bemerkte ich: „Wer nicht schlafen will, will halt auch nicht „Gute Nacht“ sagen!“

Wir schauten uns über die Kinder hinweg an und plötzlich machte es KLICK. Endlich hatten wir begriffsstutzigen Eltern begriffen, was unser Sohn uns eigentlich sagen wollte. Er wollte nur nicht ins Bett. Das hatte rein gar nichts mit mir zu tun!

Wir, die wir uns den ganzen Tag Gedanken darüber machen, warum unsere Kinder so oder so reagieren und uns reflektieren, waren Abend für Abend so müde gewesen, dass wir uns bei dieser Zubettgeh-Szenerie erst nach Wochen einen Reim darauf machen konnten. Manchmal sieht man eben den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ein neuer Glaubenssatz hatte sich so schnell bei mir eingebrannt, genährt von alten Glaubenssätzen, die ich schon lange mit mir herumtrug und von denen ich nichts wusste.

Erforsche dich selbst!

Mit deinem Kind bekommst du die Möglichkeit, deine alten Glaubenssätze zu erforschen, zu hinterfragen und aufzubrechen. Nach viel Selbstreflektion und Arbeit an mir selbst habe ich herausgefunden, welche Glaubenssätze meine Beziehungen beeinflussen und stören. Ich weiß, dass ich sehr sensibel bin, die Stimmungen anderer sehr schnell wahrnehmen kann und schnell auf mich beziehe. Ich habe mich lange Zeit gedrängt gefühlt, perfekt zu sein aus Angst, den Ansprüchen anderer nicht zu genügen. „Ich bin nicht gut genug“ und „ich will, dass alle mich mögen“, diese Glaubenssätze ganz abzulegen, wird mich noch eine Weile beschäftigen.

Das Fatale an diesen beiden Glaubenssätzen ist, dass sie sich in zerstörerischer Weise widersprechen. Ich habe unterbewusst immer danach gestrebt, allen anderen zu gefallen. Da das nicht funktionieren kann und im Sinne der eigenen Selbstbestimmung auch nicht erstrebenswert ist, habe ich immer wieder die Bestätigung für meinen zweiten Glaubenssatz bekommen: Wenn mich nich alle mögen, dann bin ich nicht gut genug. Ein ganz ungesunder Kreislauf!

Natürlich lehnt mein Kind mich nicht ab. Mein Kopf wusste es und trotzdem hatte es dieser negative Glaubenssatz so leicht, sich in meine Gefühlswelt zu stehlen, warm und kuschelig eingebettet in die anderen negativen Glaubenssätze, die ich selbst als Kind oder Jugendliche eingesammelt hatte.

Wie beeinflussen deine Glaubenssätze die Sicht auf dein Kind und deine Beziehung zu ihm?

Frage dich in der Beziehung zu deinem Kind immer mal wieder, warum du bestimmte Entscheidungen triffst und warum dich bestimmte Situationen so besonders nervös oder wütend werden lassen. An deinen Gefühlen ist dein Kind nicht schuld, es sind bestimmte Abläufe, die deine innere (unbewusste) Haltung infrage stellen. Auch hier bestimmen viele Glaubenssätze unsere Sicht auf (unsere) Kinder, auch wenn wir es nicht wissen. Wir haben in unserer frühen Kindheit eine bestimmte Haltung gegenüber Kindern vorgelebt bekommen, die wir meist unbewusst für uns als Eltern übernehmen.

Hast du vielleicht verinnerlicht, dass Kinder gehorchen und Vater und Mutter ehren müssen? Wenn ich dich das so frage, antwortest du sicher mit nein. Aber wie geht es dir damit, wenn dein Kind im Supermarkt schreiend vorm Süßigkeitenstand zusammenbricht, wenn es dort in aller Öffentlichkeit nach dir tritt und haut, weil du heute nicht schon wieder Süßes kaufen magst? Schaust du dich verstohlen um, was die anderen Leute sagen? Wird dir heiß und kalt, weil du spürst, wie ihre Blicke auf dir ruhen?

Würde euch beiden eine ähnliche Situation Zuhause widerfahren, würde es dir bestimmt leichter fallen, bei dir und deinem Kind zu bleiben, die Gefühle deines Kindes aufzufangen und ihm durch die Wut, Enttäuschung und Trauer zu helfen. Dort aber, wo andere Leute sehen und bewerten können, wie du als Mutter oder Vater agierst, könnte ja der Eindruck entstehen, dass du deinen Job nicht gut machst. „Gute Eltern haben ihre Kinder im Griff“ und „brave Kinder gehorchen“ sind solche störenden Glaubenssätze, die deine Beziehung zu deinem Kind maßgeblich beeinflussen und schädigen können.

Wenn du diese Glaubenssätze verinnerlicht hast, wirst du dich immer unbewusst bei deinem Handeln an den Anderen, meist ja sogar fremden, Leuten orientieren und nicht an deinem Kind. Deine Beziehung wird also nicht zu deinem Kind gelebt sondern zu den Menschen, die euch beobachten.

Zeige dich stattdessen deinem Kind. Zeige ihm, was dir wichtig ist und verlange keine Dinge von ihm, die dir eigentlich unwichtig sind, nur weil du denkst, dass andere dieses Handeln von dir erwarten. Lebe die Beziehung zu deinem Kind und höre in dein Innerstes, warum du bestimmte Entscheidungen treffen möchtest, hinter denen du vielleicht gar nicht voll stehst.

Wie kannst du störende Glaubenssätze aufspüren und verändern?

Glaubenssätze tragen wir unbewusst mit uns herum, die angekoppelten Verhaltensweisen und -muster haben wir meist schon sehr automatisiert und hinterfragen sie meist nicht. Wenn wir Eltern werden, bekommen wir jedoch eine einzigartige und tolle Chance an uns zu arbeiten und unsere Motive im Handeln zu hinterfragen: unsere Kinder kommen ganz ohne Glaubenssätze auf die Welt. Sie denken, handeln und fühlen ganz frei und ohne gesellschaftliche und erlernte Zwänge. Sie haben die Fähigkeit, ganz bei sich zu sein.

Ihr Antrieb ist der Drang selbstständig zu werden, sich weiter zu entwickeln.

Ihr Handwerkszeug ist ihre Neugier.

Ihre Basis, um neue Kraft zu schöpfen und neuen Mut zu tanken sind wir, ihre engsten Bindungspersonen.

Wir können unsere Kinder ganz leicht unterstützen, dafür braucht es nur unsere bedingungslose Liebe und unser Vertrauen in sie.

Wenn wir also unsere Kinder bindungs- und bedürfnisorientiert begleiten, haben wir die Möglichkeit uns selbst immer wieder in Frage zu stellen. Warum ist es mir so wichtig, dass mein Kind gewaschen, gekämmt und angezogen am Tisch erscheint? Warum ist es mir wichtig, dass mein Kind „Bitte“ und „Danke“ sagt? Frage dich, was dir selbst wichtig und unwichtig ist, wo deine persönlichen Grenzen sind. In welchen Situationen fällt es dir schwer, dein Kind zu begleiten und was steckt dahinter? Du findest so vielleicht den einen oder anderen Glaubenssatz aus deiner eigenen Kindheit. Überprüfe ihn darauf, ob er wirklich Sinn macht und ob du hinter ihm stehen kannst und ersetze ihn ansonsten durch einen positiven Glaubenssatz.

Ich hoffe, ich konnte dir einen kleinen Einblick in die Wirkungsweise und die Wichtigkeit von Glaubenssätzen näher bringen und konnte dich dazu ermutigen, in dich selbst hineinzuspüren, welche Glaubenssätze du mit dir herumträgst.

Ich wünsche dir viel Mut und Kraft, dich auf eine spannende Reise zu begeben und die Beziehung zu deinem Kind zu stärken.

Deine Katha

 

 

 

 

 

 

7 Kommentare

    • Liebe Mathilde,
      ich freue mich, dass dir mein Artikel gefällt und danke für dein Lob ;-). Ich finde das Thema auch so immens wichtig. Dabei geht es nicht um Schuld sondern darum, sich selbst wirklich kennen zu lernen, damit die eigenen Kinder eben auch sie selbst sein können. Das ist mir in dem Zusammenhang besonders wichtig.
      Viele liebe Grüße,
      Katha

    • Hallo Janina! Toll, dass du hier bist und dass dir mein Artikel gefällt! Liebe Grüße, Katha

  1. Liebe Katha,

    vielen Dank für deine Denkanstöße und deine guten Tipps, wie ich alte Muster auffinden und aufbrechen kann. Das man sich unbewusst an der Gesellschaft orientiert ist tatsächlich so.

    Liebe Grüße
    Susanne 🌻~Gruß

    • Hallo Susanne,
      wie schön, dass mein Text helfen kann. Ich freue mich, dass er dir gefällt.
      Viele liebe Grüße,
      Katha

  2. Sehr schön geschrieben! Vor allem in unserer heutigen Zeit, wo nur noch Leistungen zählen und das menschliche vergessen geht, sind solche Artikeln sehr wichtig! Darum, nochmals Danke!
    Letzte Woche habe ich an einem spannenden Vortrag von André Stern (es geht um Freilernen) und viele Sachen, hat er genau gleich wie im Artikel gesehen. Sehr inspirierend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.