Wir sorgen gut für uns – Attachment Parenting kann eine Chance sein

Die liebe Susanne von Geborgen Wachsen hat zur Blogparade aufgerufen zum Thema „Attachment Parenting und Fürsorge“. Das Thema liegt mir schon seit Tagen auf der Seele und nun wollte ich es zu Papier bringen/ in die Tasten hauen. Was dann passierte…

…war wieder mal das Leben. Unser Familienleben. Als ich mich gestern voller Vorfreude in der Mittagsschlafenszeit meiner beiden Mäuse an den PC setzen wollte, streikte das Baby – keine Lust zu schlafen. Später stoppte es seine müden Krabbelversuche mit der Nase -Nasenbluten inklusive- und wir verbrachten den Nachmittag zu dritt beim Kinderarzt. Anschließend kurzer Schlagabtausch mit Papa und ich fuhr mit dem Baby in seine Geburtsklinik, um endlich das Gespräch mit der Hebamme zu führen, die seine Geburt begleitet hatte. Abends, voller Eindrücke, geplättet, erleichtert und endlich befreit von so vielen Schuldgefühlen ließ ich den Tag auf dem Sofa ausklingen.

Neuer Tag, neues Glück: Heute wird es aber was mit dem Schreiben! Und dann: Kleinkind nach kurzer Zeit aus dem Mittagsschlaf erwacht, Bett nass gepullert, Bett abziehen, Kind umziehen, Hund rauslassen, Baby wird wach. Jetzt ist es Abend, das Baby schläft, der Mann bringt den Großen ins Bett und ich darf schreiben. Eigentlich wollte ich schon fertig sein. Eigentlich!

Selbstfürsorge? Ich?

Ich hatte mir so schlaue Sätze zusammen gedacht, gedankliche Notizen geschrieben, sogar Satzbruchstücke auf meinem Handy abgespeichert als ich zwischen Windeln wechseln, Möhren und Äpfel schälen und Spaziergängen im Wald klare Gedanken fassen konnte. Jetzt schaue ich sie mir an und finde mich gerade nicht wieder.

Selbstfürsorge kann ich an manchen Tagen gut und an manchen weniger gut. Zur Zeit gerade weniger. Daran sind nicht meine Kinder schuld und daran ist auch nicht Attachment Parenting schuld, wenn wir hier überhaupt einen Schuldigen finden wollen. Ich selbst kann im Alltag nicht sagen: „Halt! Stopp! Mir wird hier gerade alles zu viel!“ Denn das interessiert meine hungrigen, müden, gelangweilten, kleinen Kinder nicht.

Zeig dich deinen Kindern und deinem Partner

Ich sehe Attachment Parenting für mich als Chance, mich selbst besser kennen zu lernen. Zu merken, bevor es mir zu viel wird. Meine Signale zu erkennen und meine eigenen Grenzen zu erforschen.

Ich habe gelernt, dass eine bedürfnis- und bindungsorientierte Familienkultur davon lebt, dass Grenzen respektiert und eingehalten werden. Ich zeige meinen Kindern und auch meinem Partner meine eigenen, echten Grenzen auf. Ich bin authentisch. Das ist eine große Möglichkeit sich selbst kennen zu lernen. Wer bist du? Was magst du und was magst du nicht?

Das gleiche gilt dann auch für unsere Kinder: Der Eine wollte liebend gern seinen Mittagsschlaf im Kinderwagen abhalten, der Andere schläft an der Brust ein und liegt dann allein und zufrieden in seinem Bett. Warum sollte ich sie zum Schlafen ins Tuch packen? Ich habe den Großen gerne gestillt bis er 14 Monate alt war und ich wieder schwanger war, dann ging es für mich nicht mehr. Kuscheln, in den Schlaf begleiten, in seinem ersten Vermissens-Schmerz bei ihm sein, konnte ich trotzdem. Ich lasse meine Kinder impfen, der Große wird von einer sehr lieben und nicht-fremden Tagesmutter betreut seit er 15 Monate alt ist und ich war arbeiten als er 7 Monate alt wurde. Der Papa hat eine ganz tolle, starke Bindung zu ihm aufgebaut und wir wollen unseren beiden Söhnen liebevolle, zugewandte Eltern sein.

Wir tarieren unsere eigenen, wohltuenden, sich gut für alle anfühlenden Familienmuster aus. Das ist für uns Attachment Parenting. Ich habe unsere Entscheidungen nie im Gegensatz dazu gesehen.

Hilfe anfordern und annehmen

Wir teilen unsere Aufgaben im Haushalt, mit den Kindern, mit dem Hund, Haus, Garten,…gerecht und doch ist es viel. An manchen Abenden sind wir müde, erschöpft und ausgelaugt. Wir beide. Denn nicht nur ich arbeite, spiele, putze, räume auf und gehe Kompromisse ein. Auch mein Mann tut das. In manchen Phasen des Lebens ist es auch für zwei viel. Viel zu viel.

Wir sind in diesen Phasen auf Hilfe und Unterstützung von außen angewiesen: auf die Oma, die uns den Großen für einen Nachmittag „abnimmt“, wenn ich einfach nur die Füße hochlegen oder allein in die Badewanne gehen will, auf die Freundin, die sich mein Gejammer auch zum hundertsten Mal anhört und das Baby hält wenn ich nach 12 Stunden „doch wirklich mal aufs Klo muss“, auf die Tagesmutter, die dem Großen einen Vormittag bietet, den ich ihm nicht bieten kann und auch für den Kleinen da sein wird, wenn ich wieder arbeiten gehen möchte/muss, auf die Nachbarin, die uns gelegentlich mit frischem Gemüse aus dem eigenen Garten versorgt und rettend einspringt, wenn wir beim Einkauf wieder irgendetwas vergessen haben.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, wir brauchen einander und müssen lernen auch über unsere Kernfamilie hinaus in Verbindung bzw. Bindung zu stehen. Wir können, dürfen und müssen uns gegenseitig Hilfe leisten, auch über unseren Einfamilien-Haus-Gartenzaun oder die 3- oder 4-Zimmer-Wohnung hinaus.

Für mich ist Fürsorge nicht nur innerhalb der Kleinfamilie zu leisten sondern auch darüber hinaus. Dafür muss jeder Einzelne sich selbst und die eigenen Grenzen kennen lernen und sie sich eingestehen, sie äußern und eigene Bedürfnisse klar machen. Nichts anderes sehe ich auch bei Attachment Parenting. Burn-out, also akute Überlastung, ist kein Phänomen, was es nur bei Müttern gibt oder sogar nur bei AP-Müttern.

Überlastung trifft jeden, der seine Grenzen immer wieder überschreitet und nicht genügend Unterstützung bekommt. Vielleicht fragt derjenige nicht nach Hilfe, weil er es nicht gelernt hat. Vielleicht kennt derjenige seine Grenzen nicht, weil er sie schon immer überschreiten musste. Vielleicht jagt derjenige einem perfekten Ideal nach, weil er nur zufrieden sein kann, wenn er perfekt ist. Oder vielleicht ist er überlastet, weil er niemanden hat, der ihm hilft. Niemals ist es aber die Schuld der Kinder oder unseres Erziehungsstils.

Wenn du Hilfe brauchst und niemanden hast, der dich akut oder regelmäßig unterstützen kann, dann schau dich hier mal um:

  • https://www.vamv.de/vamv/
  • https://www.muettergenesungswerk.de/startseite.html
  • Regionale Erziehungsberatungsstellen des Jugendamtes
  • Beratungsstellen/Lebensberatung der Caritas und Diakonie

 

Deine Katha

P.S. Ich hätte diesen Text wahrscheinlich wahnsinnig viel interessanter, verlinkter, recherchierter, länger, ausformulierter, besser machen können… ich bin nie ganz zufrieden und doch stelle ich ihn online für dich zum Lesen zur Verfügung, weil auch das für mich Selbstfürsorge bedeutet. Aufzuhören und meinen müden Gedanken Ruhe zu gönnen 😉

 

 

 

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