Aus 2 wird 3, wird 4 – Sind wir glücklich mit mehr als einem Kind?

Zwei Jungs liegen auf dem Boden

Ich habe ja schon einmal darüber geschrieben, was mich in der Anfangszeit mit Kleinkind und Baby beschäftigt hat. Das erste halbe Jahr als vierköpfige Familie ist für uns jetzt um und fürs Erste haben wir alle unseren neuen Platz gefunden. Wir haben uns zusammen gelebt und uns (neu) ineinander verliebt, unter Tränen, mit Lachen, mit Liebe, manchmal mit Eifersucht.

Aller Anfang ist schwer

Eine ganz neue Dynamik entsteht in einer Gruppe, wenn ein neues Mitglied hinzukommt. Das ist normal und hat seinen Ursprung ganz tief in unserem Gehirn. Eine geschlossene Gruppe ist ein eingespieltes Team, hat seine Abläufe zum Teil ritualisiert, die Kommunikation untereinander hat sich aufeinander eingespielt und gegenseitiges Vertrauen wurde aufgebaut.

Dann kommt ein neues Gruppenmitglied hinzu und wird erst einmal kritisch beäugt, vielleicht sogar abgelehnt. Denn alles „Neue“ birgt ein gewisses Gefahrenpotential: Kann man dem Neuen oder der Neuen vertrauen? Wie verhält er oder sie sich in Stresssituationen? All das ist erst einmal unsicher und muss abgewartet werden.

In etwa so ist es auch für das große Kind, wenn ein neues Geschwisterchen hinzu kommt. Wir Eltern wissen beim zweiten Kind schon so ungefähr, was auf uns zukommt, wenn wir noch ein Baby erwarten. Wir können uns auch schon in der Zeit der Schwangerschaft darauf vorbereiten, dass wir bald ein zweites Kind zuhause haben werden.

Das erstgeborene Kind kann das nicht. Egal wie gut wir versuchen, das erste Kind über die Ankunft des Zweiten aufzuklären, so ist die Situation überhaupt nicht einschätzbar für ihn. Wie kann man sich auch etwas darunter vorstellen, das große Geschwisterkind zu werden und bald ein Baby im Haus zu haben? Die Erfahrungswerte fehlen dem meist kleinen Kind ja.

Die Entthronung des Ersten

Dann kommt das Geschwisterchen auf die Welt und für alle steht die Welt gleichzeitig Kopf! Für das erste Kind, weil es aufgeregt und neugierig und gleichzeitig auch verunsichert ist. Genauso wie wir Eltern muss auch das erste Kind sein neues Geschwisterchen erst noch kennen lernen. Wer ist dieser neue kleine Mensch? Warum weint er? Warum schläft er so viel? Warum kümmert sich Mama die ganze Zeit nur um das Baby?

Plötzlich erwarten wir ganz automatisch von dem größeren Kind, dass es Rücksicht nimmt, wenn das Baby schläft, wenn es weint und von Mama getragen werden muss, wenn es so viel stillen muss. Dabei müssen wir uns darüber bewusst werden, dass das große Geschwisterkind diese Verantwortung noch nicht tragen kann und auch vorher noch nicht erlernen konnte, wie man Rücksicht auf einen so kleinen Menschen nimmt.

Vorher war das erste Kind allein, Mama und Papa haben sich um ihn allein gekümmert. Dann ändert sich die Dynamik und es sind zwei Kinder da. Das vorher kleine Kind wird das Große und ganz zwangsläufig kümmern sich die Eltern, besonders die Mutter, vermehrt um das Neugeborene. Eine ganz neue Situation, die sich für das erste Kind nicht gut anfühlt!

Der neuen Situation authentisch begegnen

Ich finde es wichtig, dass wir als Eltern in der Verantwortung bleiben und sie nicht auf das Kind übertragen. Wenn das Baby schläft, müssen wir dafür sorgen, dass es in Ruhe schlafen kann und gleichzeitig auch das große Geschwisterkind noch Kind sein darf.

Das heißt nicht, dass wir dem Großen nicht auch beigebracht hätten, dass man sich leiser verhält wenn andere Menschen schlafen! Wir bringen es ihm immer noch bei aber erwarten nicht, dass er von allein daran denkt. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, hat er mit 2 Jahren schlichtweg einfach noch nicht und wir können nicht erwarten, dass er sie jetzt schon hat. Auch schimpfen wir nicht mit ihm, wenn er das Baby weckt.

Das erste halbe Jahr war anstrengend, keine Frage. Es war aber auch eine intensive und gefühlsgeladene Zeit, in der ich mein großes Kind ganz neu kennenlernen durfte und auch über mich so viel Neues gelernt habe. Ich habe gelernt, authentisch zu sein und meine Gefühle zu benennen. Damit hatte ich früher wirklich arge Probleme!

Wenn wir also in eine Konfliktsituation kamen und der Große nicht mit mir kooperieren wollte, habe ich gelernt, in mich zu gehen und mir die Situation von außen anzuschauen: Was bewegt ihn dazu, dass er nicht mit mir zusammenarbeiten möchte? Was steckt hinter seiner Motivation, das Babybett zu rütteln? Nicht alles, was wir als Gefahr sehen, sehen auch Kleinkinder als Gefahr! Und dann blickte ich auf mich und überlegte, was die Situation mit mir macht: Macht sie mich wütend oder eher unsicher? Bin ich traurig oder überfordert?

Ich habe angefangen, viel mehr mit meinem Großen zu sprechen und mit Ich-Botschaften zu erklären, wie ich die Situationen erlebe. „Ich war gerade sehr erschrocken, dass du das Babybett geschüttelt hast. Ich möchte nicht, dass du das machst.“ Nicht immer ist das auch gleich von Erfolg gekrönt aber immer öfter. Wichtig ist, dass wir darüber sprechen, was passiert und dem Kind die Möglichkeit einräumen, ebenfalls darüber zu kommunizieren.

Mehr Chaos, mehr Tränen und gleichzeitig mehr Liebe und Gemeinschaft

Wir sind in diesem halben Jahr als Familie wieder neu zusammen gewachsen. Der Große hat seine neue Position im Familiengefüge genauso gefunden wie auch wir Erwachsenen. Es war viel Arbeit, Schweiß und auch Tränen. Ich will euch nichts vormachen und mein erster Post hat es auch gezeigt: Ich war zeitweise ganz schön müde! Es gab auch mal Streit und es gab auch mal Eifersucht. Auch wir Eltern mussten uns neu einander annähern und uns über viele neue Diskussions-Punkte einen Konsens erschaffen.

Jeder von uns ist an den Herausforderungen gewachsen: Ich bin als Mama gewachsen, weil ich nun zwei tolle Jungs habe. Genauso ist mein Mann als Papa gewachsen. Er hat mehr Verantwortung für den Großen übernommen. Der Kleine ist sooo unglaublich gewachsen und hat ein sehr aufregendes halbes Lebensjahr hinter sich gebracht. Und der Große hat ebenfalls erhebliche Entwicklungssprünge gemacht und ist außerdem noch ein ganz toller, großer Bruder geworden.

Es gibt so viele wunderschöne Momente, die wir mit nur einem Kind nicht hätten: wir würden nicht sehen wie die beiden miteinander kuscheln und die gegenseitige Nähe genießen. Wir würden nicht sehen, wie sie einander zum Lachen bringen, wenn wir Eltern versuchen, ihnen ein Buch vorzulesen. Wir würden nicht sehen, wie der Große bei der Pflege des Babys mithelfen will und ihn aufmuntern möchte, wenn der Kleine weint. Und wir würden nicht diese doppelte, unendliche Liebe spüren, die man für zwei Kinder empfindet! Niemals hätte ich mir vorher ausmalen können, dass ich zwei Kinder so unglaublich lieben könnte!

Geschwister sind eine Chance

Mehr als ein Kind zu haben schreckt viele Eltern ab. Ein Kind bedeutet doch schon so viel Arbeit! Vielleicht hat das erste Kind viel geschrien, nachts sehr unruhig und wenig geschlafen und brauchte sehr viel Nähe. Vielleicht war das erste Kind auch viel krank oder musste operiert werden. Ich kann jede Entscheidung absolut akzeptieren.

Wir hatten zum Beispiel eine wirklich sorgenvolle erste Babyzeit mit dem Großen, weil wir bereits im Wochenbett erfuhren, dass er am Köpfchen operiert werden musste. Trotzdem wussten wir, dass er nicht allein aufwachsen sollte. Ich persönlich trage so viele wertvolle Erinnerungen an meine Kindheit mit mir herum, die ich fest mit meinen Schwestern verknüpfe. Die vielen Momente, in denen wir zusammen spielten, uns stritten, uns vertrugen, ein Zimmer teilten, Freunde und Freizeit teilten trage ich mein Leben lang mit mir herum und sie machen einen Teil meiner Persönlichkeit aus. Ich hätte mir nicht vorstellen können, ohne sie zu sein! Und auch jetzt als Erwachsene teilen wir Sorgen und Freude, wofür ich so dankbar bin.

Für uns war also klar, dass wenn es uns möglich sein sollte, wir mehr als ein Kind haben wollten. Jeder Tag, an dem die beiden Jungs zusammen wachsen und wir ihnen dabei helfen können, eine innige und tragfähige Bindung miteinander einzugehen, gibt uns in dieser Entscheidung recht.

Sind wir denn nun glücklicher?

Ja, wir sind glücklicher geworden. Wie gesagt, jedes Kind mehr ist auch mehr Arbeit, manchmal mehr Chaos, mehr Zugeständnisse aber ebenso bedeutet es auch mehr Liebe, mehr Freude und mehr Gemeinschaft. Wir können und wollen unseren Kleinen nicht mehr wegdenken.

Als Erwachsene sollten wir Entscheidungen auch sachlich betrachten können aber ich kann da nur für mich sprechen: Ein Kinderwunsch ist nicht immer sachlich! Er ist auch mal unvernünftig, leidenschaftlich oder schmerzhaft. Und es ist gut so, dass wir in einer so logischen, technischen und durchgeplanten Welt auch einfach mal auf unsere innere Stimme hören. Wenn da tief in euch der Wunsch nach einem Kind laut wird, dann hört gut hin!

Ich hoffe, dass ich euch darstellen konnte, dass das Leben mit zwei Kindern nicht immer romantisch und rosarot ist. Denn das Leben ist es auch nicht immer! Beziehungen sind einem ständigen Wandel unterworfen und wir müssen dafür arbeiten, dass die Beziehungen gelingen. So ist es zwischen Partnern und auch zwischen Geschwistern: Wir Eltern können den beiden viel mitgeben, damit sie miteinander wachsen und einander lieben können. Am Ende werden die Beiden ihre eigenen Persönlichkeiten ausprägen und ihre Beziehung zueinander selbst gestalten. Und wir werden als Eltern immer für sie da sein und sie dabei unterstützen.

Eure Katha

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