Eltern sein mit eigenen Bedürfnissen

Nach einem anstrengenden Vormittag habe ich den Großen gerade hingelegt. Der Kleine liegt zum Einschlafstillen an der Brust und ich schaue währenddessen kurz mit meinem Handy in den Sozialen Netzwerken nach. Da springt mir der Beitrag von Nora Imlau ins Auge über die Plakataktion der Stadt Bergisch Gladbach: Da prangern an Bushaltestellen und Litfasssäulen mannshohe Plakate, auf denen die Eltern abgemahnt werden, beim Kinderwagen schieben auf ihre Kinder zu schauen anstatt aufs Smartphone. „Sprich mit mir!“ steht da in großen Lettern und man sieht im Comic-Stil debil auf ihr Smartphone schauende Eltern, die ihr im Kinderwagen liegendes Kind keines Blickes würdigen… ich bin sauer!

Aufklärung ja – Anprangern nein!

Nur kurz vorweg: Ich finde es wichtig, dass Aufklärung über einen positiven Beziehungs- und Bindungsaufbau zum Kind betrieben wird. Genauso wichtig finde ich Aufklärung über die Gefahren im Straßenverkehr (ein Handy hat beim Fahren eines Autos nichts vor unserem Gesicht zu suchen). Aber diese „Aufklärungskampagne“ mahnt mit dem erhobenen Zeigefinger die Eltern ab. Wem helfen diese Plakate? Ganz ehrlich gesprochen, helfen sie niemandem! Die wenigen Eltern, die tatsächlich nicht das Wohl ihrer Kinder im Blick haben, fühlen sich wohl auch von diesen Plakaten nicht angesprochen. Und die Eltern, die ihre Kinder behütet, geliebt und geborgen aufwachsen lassen wollen, fühlen sich angeprangert, abgemahnt und bloßgestellt. Ist das der tiefere Sinn hinter diesem Projekt?

Bedürfnisorientierung wieder mal falsch verstanden

Ich lebe mit meiner Familie bindungs- und bedürfnisorientiert und dabei zählen nicht nur die Bedürfnisse meiner Kinder! Die Bedürfnisse unseres Babys stehen an erster Stelle, weil sie sich noch nicht aufschieben lassen. Ein Baby ist noch nicht kompromissbereit wenn es um Hunger, Nähe oder Unversehrtheit geht. Unser Kleinkind kann unter Umständen auch schon manchmal auf die Bedürfniserfüllung warten – einen kleinen Moment und abhängig davon um welches Bedürfnis es sich handelt. Was viele aber vergessen: Auch die Eltern haben Bedürfnisse!

Wir Erwachsenen haben gelernt, unsere Bedürfnisse aufzuschieben, auf unsere Bedürfniserfüllung zu warten und dafür selbst einzutreten. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass wir selbst dafür verantwortlich sind, dass unsere Bedürfnisse erfüllt werden. Eine stillende Mutter z.B. braucht genug Nährstoffe, Kalorien, Flüssigkeit, um ihr Baby ernähren zu können. Eltern mit Baby brauchen zwischendurch genug Schlaf und Ruhephasen, um sich danach wieder voll und ganz ihrem bedürftigen Baby widmen zu können. Ein gesundes Familiensystem funktioniert nur so lange, wie die Bedürfnisse eines jeden beizeiten auch erfüllt werden können.

Wenn ein Mensch nicht auf seine Bedürfnisse hört, wird er irgendwann krank, fällt aus und kann sich um andere nicht mehr kümmern.

Mama und Papa leben nicht auf einer Insel

Auch das Bedürfnis nach sozialen Kontakten ist ein wichtiges Bedürfnis. Mamas und Papas brauchen in der anstrengenden Baby- und Kleinkindzeit auch sozialen Austausch, Gesprächsinhalte fernab von Fläschchen, Waschmittel und Erziehungsratgebern. Sie brauchen vielleicht einfach mal kurze Berieselung von unserem meistgenutzten Medium: dem Smartphone.

Vielleicht brauchen sie es, ein Smiley unter ein Katzenvideo zu setzen, um kurz von den anstrengenden vier Stunden Babygeschrei abzuschalten, den Puls herunterzufahren und durchatmen zu können. Vielleicht brauchen sie es, der Freundin ihre Geburtstags-Glückwünsche per Whatsapp zu schicken, weil sie wissen, dass sie erst abends um 23 Uhr die Möglichkeit hätten, persönlich anzurufen?

Wenn wir gesunde, gut gebundene Kinder in unserer Gesellschaft wollen, dann wollen wir auch Eltern, die für ihre eigenen Bedürfnisse sorgen können, um ihren Kindern ein Leben lang ein ehrlicher und authentischer Partner sein zu können. Wir wollen Eltern, die ihre eigenen Signale erkennen und auf ihre Bedürfnisse hören nach sozialen Kontakten und nach Auszeiten, damit sie anschließend wieder voller Kraft und Energie ihren Nachwuchs sicher begleiten können. Und wann könnten sie ihren Bedürfnissen besser nachkommen, als wenn sie die Bedürfnisse ihrer Kinder erfüllt wissen?

Mehr Toleranz für Eltern

Ich wünsche mir mehr Toleranz für Eltern, die ihre Sache gut machen und die auch akzeptieren können, wenn ihre Kinder gerade nicht auf ihre hundertprozentige Aufmerksamkeit angewiesen sind. Ich wünsche mir Toleranz für Eltern, die einen großartigen Full-Time-Job erledigen a.k.a. Elternsein und dabei schaffen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Und ich wünsche mir, dass wir den Eltern Anerkennung dafür aussprechen, was sie leisten, anstatt mit dem erhobenen Zeigefinger zu mahnen.

Ich habe diesen Text mit etwas Wut im Bauch geschrieben, das habt ihr vielleicht gemerkt. Ich würde von euch gern wissen, was euch rasend macht, wo ihr euch als Eltern mehr Toleranz wünscht und an welchen Stellen ihr euch immer wieder angeprangert fühlt! Ich möchte unter diesem Thema Gedanken und Artikel teilen und habe mich spontan entschieden, hier eine Blogparade ins Leben zu rufen.

Wenn ihr also darüber schreiben wollt oder bereits etwas zu diesem Thema geschrieben habt, in welchem Bereich ihr euch mehr Toleranz für Eltern wünscht, dann verlinkt meinen Beitrag in eurem Text und packt euren Link in die Kommentare. Ich sammle bis zum 04.08.2017 eure Beiträge. Ich werde anschließend die Beiträge auf meiner Facebook Seite teilen.

Wenn ihr keinen Blog habt und trotzdem dazu etwas schreiben wollt, dann schreibt mir gern euren Text und schickt ihn an: info@natuerlich-geliebt.blog. Ich werde ihn dann als Gastbeitrag (auch anonym, wenn gewünscht) veröffentlichen.

Eure Katha

 

6 Kommentare

  1. Deine Schwester

    Schön geschrieben! Gelesen während drei Kinder im Garten fröhlich im Matsch spielen 🙂

    • Katharina

      Danke dir! Ich wünsche euch allen einen wundervollen Nachmittag – den Kids und den Erwachsenen!

    • Katharina

      Hallo Isabel, danke für deinen Kommentar! Ich finde, aus dem Bauch und manchmal aus der Wut heraus, kann man sich am besten Luft verschaffen. Ich habe mich in deinen Begründungen dazu, warum wir uns angegriffen fühlen, sehr wiedergefunden. Schön, dass du bei meiner Blogparade mitmachst. Verlinke doch in deinem Artikel auch meinen Text, so können Interessierte die Eindrücke von allen nachvollziehen.
      Schöne Grüße,
      Katha

    • Katharina

      Liebe Madame FREUDig,
      das ist ein wertvoller Beitrag und verschiedene Meinungen sind wichtig! Danke für deinen tollen Artikel!

      Liebe Grüße,
      Katha

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