Wie will ich mit meinen Kindern leben? Bindungsorientiert, unerzogen oder doch traditionell erziehen?

Bevor ich Kinder hatte, war die Sache mit der Erziehung ganz klar für mich: Ich würde alles so machen wie ich es kannte, würde klare Grenzen setzen und mein Kind in seiner Entwicklung fördern. Doch dann bekam ich Kinder und meine Mama-Gefühle und meine Intuition kamen hinzu…

Dann kam die Realität

Ich hatte mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, wie die Geburt meines Kindes sein sollte, welche Wünsche ich für seine Geburt hatte und was im schlimmsten Fall passieren könnte. Ich ging ziemlich naiv an die Sache heran und dachte, es würde schon alles ganz normal laufen. Ganz normal hieß für mich damals: Ich würde Wehen bekommen, würde irgendwann ins Krankenhaus fahren und dort spontan und ganz entspannt mein Baby bekommen. Dann lief alles ganz anders…

Die Wehen kamen nicht, die Hebammen und Ärzte wurden irgendwann unentspannter, ich wurde zusehends erschöpfter, ich bekam Angst und mein Kind kam per Notkaiserschnitt. Schon hier bekam meine Vorstellung eines normalen Mutter-Daseins einen ersten Riss: Ich war eine Kaiserschnitt-Mama! Ich hatte lange emotional mit der Verarbeitung der ersten Geburt zu tun, hatte anfangs Schwierigkeiten, mich als Mama zu sehen und fühlte mich so schlecht. Ich wusste, ich musste irgendetwas tun, musste an der Bindung zu meinem Kind arbeiten. Für ihn und für mich, damit unsere Wunden heilen konnten.

Meine Hebamme bot uns an, ein Baderitual mit uns durchzuführen, das heilsam für uns sein sollte. Nach einigem Zögern stimmten wir zu und es war im Nachhinein betrachtet die beste Entscheidung für uns. Ich bekam endlich wieder einen Zugang zu meinen Gefühlen, zu meiner Intuition und fing an, mich als Mama zu sehen.

Rückendeckung im Baby-Alter

Ich wuchs also in meine Mutter-Rolle hinein und hörte viel auf meine innere Stimme. Ich hatte einen pädagogischen Hintergrund, hatte Soziale Arbeit studiert, mit Kindern in Krippe, Kindergarten und stationärer Jugendhilfe gearbeitet.  Daher ruhte ich mich auf meinem Wissen aus und las keinen einzigen Erziehungsratgeber, keine Blogs, keine Webseiten über Erziehung. Alles, was ich tat, tat ich aus dem Bauch heraus, aus dem sicheren Gefühl heraus, dass ich als Mama schon wissen würde, was für mein Baby das Beste war. Und ich dachte nicht ein einziges Mal daran, was ich mal gelernt hatte.

Ich beobachtete meinen kleinen Sohn und versuchte, ihm alles zu geben was er brauchte. Ich trug ihn im Tuch, ich ließ ihn in unserem Bett schlafen, ich stillte so lange wie er und ich es brauchten und wollten, fing mit der Beikost an, als er bereit dazu war und hörte auch in anderen Belangen eher auf mein Bauchgefühl als auf andere. An Erziehung dachte ich in seinem ersten Lebensjahr sowieso nicht, da ich der Meinung war, dass Babys alles mitbringen, was sie brauchen und nicht „verzogen“ werden könnten. Das hatte ich schon oft gehört und es lief ziemlich konform mit dem, was ich in der Arbeit mit Babys erfahren hatte: In der ersten Zeit brauchten Babys Nähe, Sicherheit, Bedürfnisbefriedigung und keine Grenzen.

Kleinkinder brauchen Konsequenzen!

Dann kam der erste Geburtstag und immer öfter hörte ich aus meinem Umfeld, dass Kleinkinder doch nun endlich Grenzen bräuchten und halt auch mal Strenge. Mit Blick auf meinen kleinen Sohn kam mir dann aber der Gedanke: Warum soll ich ab seinem ersten Geburtstag nicht mehr auf seine Bedürfnisse hören? Grenzen sollte er kennenlernen, das war mir klar. Aber nicht durch Schimpfen, Drohungen oder, schlimmer noch, durch Gewalt.

Ganz davon ab, dass leider immer noch einige Menschen der Meinung sind, dass Babys auch verwöhnt werden können, herrscht weit verbreitet doch Einigkeit darüber, dass das ein Irrglaube ist. Ab und zu gab es dann mal schräge Kommentare wenn ich bei jedem kleinen Weinen zu meinem Kind eilte und es auf den Arm nahm, jedoch hielt es sich noch in Grenzen. Als er aber mobiler wurde und mehr und mehr seinen eigenen Kopf bekam, schrie es mir aus meinem Umfeld immer lauter nach Konsequenzen entgegen.

Ich sah meinen kleinen Sohn an, der gerade laufen gelernt hatte und sah nicht ein, warum ich ihn bestrafen sollte, wenn er Essen vom Tisch warf, wenn er schrie, weil das Türgitter nicht aufging, wenn er lieber spielen wollte als sich wickeln zu lassen! Was sollten Strafen daran ändern, dass er vielleicht das Essen nicht mochte, was ich für ihn gemacht hatte, dass er sich frei bewegen wollte und dass er nun gerade nicht bereit war, sich wickeln zu lassen, weil andere Dinge interessanter waren? Das alles konnte ich mit Bestrafungen nicht ändern. Auch seine Bereitschaft mit mir gemeinsam an einem Strang zu ziehen, mit mir zu kooperieren, würde ich so nicht erreichen.

Strafen machen keinen Sinn

Ich halte nichts davon, Kinder zu bestrafen. Das Verhalten von Kindern macht immer Sinn. Sie bekommen einen Wutanfall, weil etwas nicht funktioniert wie sie es sich vorgestellt haben, weil ihr Plan, den sie sich zurechtgelegt haben, nicht aufgeht. Sie haben noch keinen Plan B. Wenn ein Türgitter sich vor ihnen verschließt, sie aber in ein anderes Zimmer wollten, können sie es nicht öffnen, sie stehen davor und ihr Plan ist gescheitert.

In solchen Situationen, in denen mein Kind nicht anders kann als zu schreien, zu weinen oder sich auf den Boden zu werfen, in denen es also keinen Ausweg findet und nicht weiter weiß, soll ich es noch bestrafen? Wenn mein Sohn das Essen auf den Boden wirft, weil es ihm nicht schmeckt, weil er keinen Appetit hat oder weil er momentan einfach nicht still sitzen kann, soll ich ihn zurechtweisen, ihn ausschimpfen und ihn von uns entfernen? Ich kann von einem kleinen Kind nicht erwarten, dass es mir sagt: „Mama, danke, dass du dir mit dem Kochen so viel Mühe gemacht hast, aber ich habe gerade gar keinen Appetit.“ Ganz ehrlich, das können manche Erwachsene auch nicht…

 

Strafen zeigen, dass es okay ist, die Bedürfnisse eines anderen zu untergraben

 

Strafen machen also für mich keinen Sinn. Sie führen nicht dazu, dass mein Kind respektvolles Verhalten lernt, weil Bestrafungen auch kein respektvolles Verhalten meinem Kind gegenüber darstellen. Es zeigt ihm doch nur, dass es okay ist, die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu untergraben. Es zeigt, dass der Schwächere, der sich nicht laut und stark genug wehren kann, sich dem Stärkeren untergeben muss. Das ist für mich keine besonders liebevolle Art des Zusammenlebens. Das sagte mir damals mein Gefühl, kein Ratgeber, kein Pädagoge.

Attachment parenting?

Immer mehr kam ich mir wie eine Aussätzige vor und recherchierte das erste Mal als Mama zum Thema Erziehung und wie ich den Trotzphasen meines Kindes gegenüber stehen könnte, aber eben ohne ihn zu bestrafen. Dann entdeckte ich dafür, was ich schon die ganze Zeit intuitiv praktizierte, eine Bezeichnung: Attachment Parenting nennt es sich also, wenn man auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht, liebevoll miteinander lebt und jeder Person innerhalb der Familie ihren Raum gibt.

Mir scheint es einfach nur logisch, mein Kind in seiner Autonomie und Integrität nicht auszubremsen. Und trotzdem lernen meine Kinder Werte kennen. Sie lernen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und erfahren, dass auch Mama und Papa Bedürfnisse, Wünsche und Pläne für das Zusammenleben in unserer Familie haben. Und sie lernen, dass das Zusammenleben mit anderen Menschen ihnen gleichzeitig auch Grenzen aufzeigt. Sie erfahren all das und sehen, dass sie Teil unserer Gemeinschaft sind, die sie selbst bereichern und mitgestalten.

Das Recht auf respektvolle Behandlung hat keine Altersbeschränkung

 

Ich habe viele gute Tipps und Anregungen finden können als ich mich mit dem Thema auseinander setzte. Ich habe gelernt, dass ich nicht allein dastehe mit dem Wissen, dass das Recht auf respektvolle Behandlung keine Altersbeschränkung hat. Diese Rückendeckung macht mich stärker, lässt mich selbstbewusster den Menschen gegenüber treten, die das nächste Mal auf eine Bestrafung bestehen, wenn mein Sohn sich nicht wie ein Erwachsener benimmt. Und doch eifere ich auch hier keinem Ideal hinterher. Ich nehme mir von allem genau die Zutaten heraus, die wir brauchen, um unsere eigene Familiensuppe zu kochen. Sie soll schließlich uns schmecken und nicht den anderen! Ich vertraue auf mein Gefühl und meine Intuition als Mama und passe vielleicht nicht genau in eine Schublade. Und genau das macht Attachment Parenting auch aus.

Eure Katha

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.