Meine Narben zeigen, dass ich eure Mama bin

„Mama, da Aua?“ fragt mich der Große mit Blick auf meine rote Narbe, die er heute das erste Mal bewusst zu sehen scheint. Als sie nach seiner Geburt so gut zu sehen war, war er noch zu klein, um sie wahrzunehmen. Nun glänzt sie wieder ganz frisch. „Dich und deinen Bruder habe ich in meinem Bauch getragen bis ihr groß genug wart, um auf die Welt zu kommen. Als die Zeit da war, seid ihr da durch gekommen.“ Die Geburt des Großen liegt nun fast genau zwei Jahre zurück, die des Babys fast vier Monate und mir kommen immer noch die Tränen wenn ich an meine Geburtserlebnisse denke.

Zwischen Leben und Tod

Ich habe zwei Kinder und habe drei Geburten erlebt. Unser erstes Kind musste ich im April 2014 still zur Welt bringen. Ich wurde 4 Tage im Krankenhaus eingeleitet bis unser Kind sich von mir trennte. Schlaflos und kraftlos fanden wir einen Weg, uns von unserem Sternenkind zu verabschieden und fanden in unseren Alltag zurück.

Unser Wunsch nach einem Kind wurde schnell wieder realer und so wurde ich kurz nach unserem Verlust wieder schwanger. Meine Schwangerschaft verlief unauffällig und ich war gern schwanger. Ich genoss es, meinem Bauch beim Wachsen zuzusehen und mein Kind spüren zu dürfen. Irgendwie wollte ich gar nicht, dass diese Schwangerschaft zuende ging, ich wollte sie festhalten. Dass ich von meinen Erlebnissen der stillen Geburt tief gezeichnet war, kam mir nicht in den Sinn. Es lief doch alles gut!

Die Geburt unseres Großen begann mit einem Blasensprung in der Nacht, ich hatte schwache Wehen. Wir fuhren also ins Krankenhaus, wo ich Medikamente zur Entspannung bekam und mich ausruhen sollte – am nächsten Morgen waren die Wehen wie weggezaubert. Dafür hatte sich eine bleierne Müdigkeit zu mir gesellt. Ich wurde mittags eingeleitet und bekam sofort heftige Wehen, die leider nicht so schnell ihre Wirkung erzielten. Am Abend war ich schließlich völlig entkräftet, wurde zwischen den Wehen immer wieder ohnmächtig und mein Kind musste nach knapp 12 Stunden voller Interventionen, Schmerzen und letzter Hoffnungsschimmer per Not-Kaiserschnitt geholt werden. Seine Herztöne waren schlecht, meine und seine Kraft am Ende, ich wurde in Vollnarkose gelegt.. Im ersten Augenblick fühlte es sich wie eine Erlösung an, dass mein Leiden und meine Ohnmachtsgefühle ein Ende haben sollten.

Mein Bauch war leer, kein Baby bei mir. Stattdessen fand ich ein Foto auf meiner Brust liegen, wo mein Neugeborenes hätte sein sollen.

Als ich im Aufwachraum wieder zu mir kam, fand ich ein Foto auf meiner Brust liegen. Sollte das mein Kind sein? Ich sah mich nicht in diesem kleinen Menschlein, fand keine Gefühle, keine Regung in mir – nur Erschöpfung und Leere. Meine Augen fielen immer wieder zu. Als ich schließlich auf die Station kam, brachten sie mein Baby zu mir. Dieses kleine Geschöpf, so hilflos und zerbrechlich, war mein Sohn. Man sagte mir, dass es für ihn knapp gewesen sei und dass er sich am Anfang erst ins Leben kämpfen musste. Nun war er aber da und alles musste gut sein! Aber war es das?

Ich fühlte mich lange Zeit leer und konnte erst zuhause mit meinem Kind emotional in Kontakt kommen. Instinktiv forderte mein Söhnchen das ein, was uns gut tat: Er brauchte viel Körperkontakt, wollte viel gestillt werden, wurde von mir im Tuch getragen und schlief im Familienbett an mich gekuschelt.

Beim nächsten Mal wird alles anders

Als sich der Wunsch nach einem zweiten Kind bei uns ansiedelte, flammte auch mein Wunsch nach einer natürlichen Geburt wieder auf. Ich bekam Zuspruch von vielen Seiten, dass es klappen könnte und ich fühlte mich gestärkt. Ich wurde wieder schwanger und hielt an meiner Vorstellung eisern fest, dass ich natürlich entbinden wollte. Die Schwangerschaft verlief wieder ohne Komplikationen.

Die Geburt unseres zweiten Sohnes kündigte sich wieder mit einem Blasensprung an. Diesmal warteten wir eine Weile zuhause auf die Wehen, kümmerten uns um die Betreuung des Großen und fuhren gemächlich ins Krankenhaus. Die Wehen kamen regelmäßig und einigermaßen stark und ich war guter Dinge. Im Kreißsaal dann die Ernüchterung: Es war kein Blasensprung festzustellen. Ich sollte mich also ausruhen, dort über Nacht bleiben und konnte am nächsten Tag wieder nach Hause. Die Wehen waren verschwunden.

Am nächsten Tag stellte meine Frauenärztin dann doch einen Blasensprung fest und ich fiel aus allen Wolken. Ich war zwei Tage mit einem Blasensprung herumgelaufen und es hatte sich nichts getan! Panik stieg in mir hoch: ich musste wieder eingeleitet werden, wieder diese unendlichen Schmerzen aushalten, wieder durch die schrecklichen Erinnerungen…ich versuchte mich zu beruhigen und wollte es schaffen. Ich wollte eine natürliche Geburt, für mich und mein Kind.

 

Ein Film spielte sich ab, der mir unheimlich vertraut vorkam

Je weiter die Geburt voranschritt, desto ähnlicher wurde der Verlauf zur Geburt meines ersten Sohnes. Ich war nach stundenlangen Wehen erneut total erschöpft, wurde immer wieder ohnmächtig, konnte mich nicht mehr aufrichten. Da war nur noch Schmerz und Dunkelheit, dann kam wieder der Schmerz. Ich bekam immer wieder mit, dass sich nichts tat und war mir sicher, dass mein Kind so nicht geboren wurde. Ich bettelte und flehte, dass sie mein Kind holen sollten.

Meinen Wunsch nach einem geplanten Kaiserschnitt standen zuerst alle, bis auf mein Mann, entgegen. Sie erinnerten mich an meinen starken Wunsch, natürlich gebären zu wollen. Immer wieder bat ich um den Kaiserschnitt, die Angst um mein Kind und meine Verzweiflung ließ mich die Ärzte schließlich umstimmen und sie planten eine Operation in 5 Stunden.

Ich war am Boden zerstört. Mein Gefühl sagte mir, dass es so nicht klappen würde! Wieder würde einer von uns nicht bis zum Schluss die Kraft aufbringen, wieder würde es ein Not-Kaiserschnitt werden und wieder würde ich in Vollnarkose gelegt werden. Und so kam es auch: Nach 13 Stunden eingeleiteten Wehen waren auch die Kräfte meines Sohnes aufgebraucht und ich bekam eine Vollnarkose. Wieder ging es um jede Sekunde und wieder sah ich auf einem Foto ein fremdes Baby, mein Baby.

Ein Schnitt in meine Seele

Ich bin traumatisiert, das kann ich mittlerweile offen so sagen. Ich trauere nicht nur einer natürlichen Geburtserfahrung nach, ich trauere IRGENDEINER Geburtserfahrung nach. Ich habe meine zwei Söhne nicht auf der Welt begrüßen dürfen, ich konnte sie nicht sehen als sie geboren wurden. Ich habe keine Erinnerung an ihren ersten Schrei, ihren Geruch.

Ich erinnere mich an Schmerzen, Leid und Angst um meine Kinder und um mich. Ich erinnere mich an Gefühle der Machtlosigkeit, an Bevormundung und Machtmissbrauch, an Ärzte, die mir nicht glauben. An mein Flehen, die Geburt meiner Kinder erleben zu dürfen, dabei zu sein. Und dann nichts…kein Ablassen des Schmerzes, kein Glück, keine Hormone, die mich in Watte packen und meine Erinnerungslücken mit Gefühlen füllen.

Ich bin froh, dass meine beiden Kinder gesund sind und ich weiß, dass ich alles getan habe, um ihnen und mir eine schönere Geburtserfahrung zu ermöglichen. Wahrscheinlich würde ich alles wieder genauso machen. Mich trifft keine Schuld. Und trotzdem trifft es mich immer noch an der empfindlichsten Stelle meiner Seele, wenn ich von glücklichen Geburtserfahrungen höre. Ich gönne jeder Mama eine schöne Geburt. Ich hätte sie mir selbst auch gegönnt!

Eure Katha

 

4 Kommentare

  1. Schlimm, dass man solche traumatische Erfahrungen machen muss, weil man überhaupt nicht ernst genommen wird. Nur traurig. Ich leide mit.

  2. Ich drück‘ dich einfach mal ganz feste aus der Ferne! Danke für deinen Artikel….ich wünsch‘ dir liebe Menschen um dich herum und die genau Richtigen, um dein Trauma anzugehen und irgendwann Frieden zu finden….wow, bist du tapfer,sei stolz auf dich!

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