Bin ich noch wach oder schlafe ich schon? Woher ich weiß, dass ich an Stilldemenz leide

Nun ist es ja nicht das erste Mal, dass ich ein Baby Tag und Nacht stille. Also erwischte mich dieser verquere, irreale Gemütszustand nicht so auf kaltem Fuße wie noch bei meinem Großen. Eigentlich wusste ich schon was da auf mich zukommt und trotzdem ist es doch anders, es ist noch verrückter.

Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie es sich anfühlt, seinen Körper für sich allein zu haben und vollkommen Herr(in) seiner Sinne zu sein. Im August 2014 wurde ich das erste Mal schwanger. Seitdem war ich eigentlich bis heute entweder schwanger oder stillte. Da ich in meinen Schwangerschaften auch immer wahnsinnig tolle Schlafstörungen hatte, die mich auf mein Muttersein wohl vorbereiten sollten, habe ich seitdem auch nicht wirklich viel geschlafen. Dass sich das irgendwann auf meine kognitiven Leistungen und auf meine Anpassungsfähigkeit in der Gesellschaft auswirken sollte, war mir vorher nicht so klar – nun macht es aber irgendwie Sinn. Woran ich merke, dass ich unter „Stilldemenz“ leide?

1. Ich denke laut

Es ist mir jetzt schon häufiger passiert, dass ich etwas gesagt habe und hinterher dachte: „Oh nein, hab ich das tatsächlich laut gesagt?“ Gedanken kommen in meinen Kopf, dagegen lässt sich nichts machen. Aber man muss ja nicht alles ungefiltert ausplaudern, was man so denkt! Die Spitze der Peinlichkeit war letztens in meinem Rückbildungskurs erreicht: Mein kleiner Babysohn lag vor mir, strampelte und pupste wie ein Großer. Unsere Hebamme kommentierte das Geräusch damit, dass es ja ziemlich laut gewesen sei und ehe ich mich versah, verließ meine Antwort schon meinen Mund, „dass das wohl in der Familie läge“. Als ich dann bemerkte, dass ich das wirklich gesagt hatte, war es für ein „naja, ich meine, das kenne ich schon vom großen Bruder“ irgendwie schon zu spät.

Manche Worte und Sätze sind klebrig, sie haften an einem fest, wenn man sie erstmal ausgesprochen hat. Sie hinterher erklären oder richtig stellen zu wollen ist zwecklos. Ich komme nicht mehr von ihnen los, sie verfolgen mich und sind mir noch ziemlich lange peinlich.

2. Der Übergang zwischen Stillen und Nicht-Stillen wird fließend

Ich weiß noch, dass es beim Großen eine Zeit gab, in der er sehr viel gestillt werden wollte. Ich denke, diese Phase fiel auf einen Wachstumsschub und die drückenden Zähnchen, die sich herausschoben. Diese Phase durchlebe ich mit dem Kleinen gerade wieder. Teilweise verbringe ich Stunden mit ihm auf dem Sofa, wo wir zwischen stillen, Bäuerchen machen, beruhigen und wieder stillen wechseln. Das ist okay so, ich kenne es ja schon und ich bin für mein Kind da, wenn es mich braucht.

Ein klitzekleines Problem entsteht dann, wenn ich aus dieser Endlosschleife von Stillen und Brust bedecken herausgerissen werde. Das kann zum Beispiel passieren wenn der Postbote klingelt, der Hund daraufhin mit seiner Haus-und-Hof-Verteidigungsstrategie beginnt und das Kind noch nicht ganz beruhigt ist. Ich warte auf den Tag, an dem ich den Postboten dann tatsächlich einmal mit entblößter Brust begrüße, weil ich nicht kurz vor der Tür bemerke, dass es einseitig etwas frisch ist.

3. Ich bin ehrlich – immer

Ich kenne mich eigentlich als sehr diplomatische Person. Selbst Kritik konnte ich so verpacken, dass sie beim Gegenüber noch gern angenommen wurde. Irgendwie scheint mir diese Fähigkeit nun abhanden gekommen zu sein. Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich schonungslos meine Meinung kundgebe. Irgendwie erschreckend aber auch gleichzeitig befreiend!

Vielleicht ist es auch eher meine Mutterrolle, in die ich nun hundertprozentig eingesunken bin und meine Überzeugung, voll und ganz für die Bedürfnisse meiner Kinder aber auch für meine eigenen einzutreten. Will nun die 100. Person mein Baby auf den Arm nehmen, kann ich voll und ganz hinter meinem Nein stehen. Nicht die schlechteste Eigenschaft, wie ich finde. Vielleicht behalte ich sie einfach.

4. Mein Kurzzeitgedächtnis lässt zu wünschen übrig

Häufiger als sonst habe ich Diskussionen mit meinem Mann, ob und wie ich etwas gesagt habe. Wenn er meint, ich hätte etwas versprochen zu tun oder ich hätte ihm eine Geschichte schon zweimal erzählt, ist es nicht so, dass ich ihm nicht glaube. Ich kann mich einfach manchmal nicht mehr daran erinnern.

Andere Auswirkungen nimmt es dann an, wenn ich Dinge einfach irgendwo liegen lasse und sie dort vergesse. So habe ich schon einmal meine Handtasche auf einem Parkplatz stehen lassen und bin ohne sie losgefahren oder habe das Babyphone in die Waschmaschine gesteckt. Bislang hatte ich jedoch Glück und habe meinen Irrtum immer noch rechtzeitig bemerkt.

 

Nun glaube ich nicht wirklich, dass diese Veränderungen an mir nur auf das Stillen zurückzuführen sind. Was ich hier scherzhaft als meine „Stilldemenz“ beschreibe ist eher Ausdruck unserer familiären Anforderungen und meines Umgangs mit mir selbst. Mein Körper hat Höchstleistungen erbracht mit der Geburt zweier wundervoller Kinder und erbringt sie immer noch.

[inlinetweet prefix=““ tweeter=““ suffix=““]Jede Mama ist eine starke Frau, die Berge für ihre Kinder versetzen kann. Aber sie muss es nicht alleine tun![/inlinetweet]

 

Ein Baby zu versorgen ist anstrengend. Nicht ausreichend zu schlafen ist anstrengend. Die Autonomiephase meines Großen ist anstrengend… Bei uns kommen gerade einige Faktoren zusammen, die es schwer machen, meine Bedürfnisse als Mutter zu erfüllen und ich glaube, daran liegt es, dass ich mitunter „etwas“ unkonzentriert bin. Einige dieser Faktoren kann ich nicht ändern. Ich nehme sie so hin und begegne ihnen und mir selbst mit Geduld und Zuversicht. Andere kann ich ändern oder abmildern, indem ich um Hilfe bitte. Jede Mama ist eine starke Frau, die Berge für ihre Kinder versetzen kann. Aber sie muss es nicht alleine tun! Und so musste ich nun beim zweiten Kind mehr als noch beim ersten lernen, dass ein liebevolles Familienleben mit einem liebevollen Umgang mit mir selbst beginnt.

Kennt ihr auch solche Phasen, in denen ihr nicht mehr so funktioniert wie ihr es gewohnt seid oder euch euer Körper mitteilt, dass ihr wieder mehr auf euch achten müsst? Fällt es euch schwer, mit euch selbst gütig und geduldig zu sein?

Eure Katha

 

 

 

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