Natur erleben – Warum echte Naturerfahrungen für Kinder so wichtig sind

Städte werden immer größer, Brachflächen werden bebaut und die Natur schwindet. Der Aktionsradius der Kinder verlagert sich immer mehr in die eigenen vier Wände. Warum aber ist die Natur und das Natur-Erleben so immens wichtig für unsere Kinder?

„Der Junge will ständig in den Garten und dann spielt er da gar nicht. Er geht nur rum und guckt.“ sagte eine der Omas über unseren Großen als er etwas über ein Jahr alt war und sie mit ihm einen Nachmittag im Garten verbrachte. Was für uns und unseren Sohn ganz normal war, verwunderte die Oma: Das Kind spielte nicht mit Spielzeug, wovon wir tatsächlich auch nur sehr wenig im Garten haben, er erkundete den Garten, die Natur, die Tiere. Er spielte so wie Kinder spielen, mit allen Sinnen, verloren im Augenblick und ohne Einmischung von Erwachsenen und deren Belehrungen. Er verliebte sich in jedes Detail eines Blattes, konnte sich an den Insekten und Vögeln, die er entdeckte, nicht satt sehen und wurde nicht müde, dem Hund beim Spiel und Jagen zuzusehen.

Der Mensch braucht die Natur

Weltweit wachsen mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen in Städten auf und verbringen immer seltener ihre Freizeit im Freien, dabei ist es ein echtes elementares Grundbedürfnis, in der Natur zu sein und reale, ungezügelte Naturerfahrungen zu machen. Wir Menschen sind aus der Natur entstanden und gehören zu ihr, unser Gehirn braucht die stabilisierende und beruhigende natürliche Umgebung. Eine Reizabwehr, wie sie in künstlichen Kulissen von unserem Gehirn vorgenommen werden muss, ist in natürlichem Umfeld nicht nötig, so beschreibt es der Wanderexperte Rainer Brämer. Unser Gehirn ist seit Beginn der Menschheit dafür gemacht, die Natur zu erleben. Vom Menschen künstlich erschaffene Räume gibt es hingegen noch gar nicht so lange.

Die Naturentfremdung und die Verlagerung des Lebens in künstliche Räume wird von Neurowissenschaftlern immer häufiger mit körperlichen und psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. So zeigt die Gehirnforschung, dass viele Fähigkeiten wie emotionale Bindungsfähigkeit, Fantasie und Lebensfreude ohne die Nähe zu Pflanzen und Tieren schwinden können.

Naturerfahrungen stärken die Bindungsfähigkeit

Was wir häufig vor allem am Wochenende an uns bemerken, nämlich den Drang einfach mal raus zu müssen, abzuschalten und Ruhe zu haben, das scheint die Lust darauf zu sein, in der Natur Ruhe und Entspanntheit zu tanken. Kinder, deren Gehirn noch nicht ausgereift ist, haben verstärkt das Bedürfnis, künstliche Reize auszuschalten, in natürlicher Umgebung zu entspannen und sich frei zu bewegen.

Lernen in und von der Natur

Ich kann mich noch gut an die Umwelterziehung in meiner Kindheit erinnern, wie sie in der Schule stattfand. Wir lernten, welchen schlimmen Einfluss die Menschen auf die Natur nehmen und wie sie von uns zerstört wird. Wir lernten, wieviel Wasser im Haushalt verbraucht wird, wie man Wasser und Strom sparen kann und wie wichtig das ist.

Das war ein Lernen mit erhobenem Zeigefinger in den Klassenräumen oder bei einer Exkursion zum örtlichen Wasserversorger. Wow, das war eindrucksvoll! Was da aber unterschwellig vermittelt wird, ist, dass wir Menschen böse sind, weil wir die Natur zerstören, Tiere töten, Wasser verbrauchen und auch andere Ressourcen stehlen. Erschaffen wird ein Bild von der guten Natur, die wir vor uns bösen Menschen schützen müssen. Kinder werden der Natur ferngehalten und betreten Wald und Wiese nicht mehr allein. Nichts ist aber immer böse oder immer gut!

Die Natur ist nicht immer gut und friedlich, das zu vermitteln wäre falsch. Die Natur kann zerstörerisch sein, sie kann gefährlich sein und ebenso friedlich und atemberaubend schön. Alle diese Facetten, die die Natur unserer Erde mitbringt, können Kinder nur draußen erleben und kennen- und schätzen lernen. Ebenso können sie natürliche Gefahren besser einschätzen, wenn sie eine persönliche Verbindung zu ihrer Umwelt aufbauen. Eine Umwelterziehung im traditionellen Sinne ist nicht nötig.

Kinder sind neugierig

Wenn ein Kind geboren wird, bringt es schon alle Fähigkeiten mit, die es braucht, um in der Welt zurechtzukommen. Wir Menschen stecken von Geburt an voller Neugier für diese Welt, voller Tatendrang und Entdeckungslust immer wieder unseren Horizont zu erweitern, Neues zu lernen und unsere Umgebung zu erforschen. Es liegt an uns Erwachsenen, diese Freude am Lernen zu unterstützen.

Menschen sind von Geburt an Naturwesen

Eine positive Beziehung zur Natur entsteht bei Kindern und Jugendlichen vor allem dann, wenn sie selbst in ihr forschen, entdecken, beobachten und spielen dürfen. Dabei brauchen sie, dem Alter angemessene Freiheit, auch allein und ohne Beobachtung draußen spielen zu dürfen. Das freie Spiel bekommt auch hier einen hohen Stellenwert. Um die Welt zu entdecken brauchen Kinder keinen pädagogischen Zeigefinger oder Erklärungen: Sie bringen alles mit, um sich das benötigte Wissen selbst anzueignen.

Der Wunsch nach früher Förderung der Kinder, der in den letzten Jahren immer drängender zu werden scheint, geht also eher in die falsche Richtung. Kinder können ihre Kreativität, ihre Lebens- und Lernfreude und ihre kognitiven Fähigkeiten am Besten entwickeln, wenn sie regelmäßig die Möglichkeit haben, die Natur zu erleben und zu entdecken. Wenn sie Ruhe finden, Marienkäfer beim Fressen zuzuschauen, Vögel in ihrem Nest zu entdecken und den kleinsten Regenwurm zu beobachten, wie er sich wieder in der Erde verkriecht.

Das verlangt von uns Erwachsenen mitunter Ruhe und Zeit in Momenten, in denen wir (scheinbar) gedrängt sind, in unserem Alltagstrott weiter zu machen, schnell weiter zu gehen und voranzukommen. Ebenso können wir es aber auch als Geschenk annehmen, dass unsere Kinder uns die kleinen Wunder der Welt wieder vor Augen halten und uns eine Tür öffnen, die sich schon lange vor uns verschlossen hat: zu etwas mehr Achtsamkeit mit uns und unserer Umwelt.

In diesem Sinne: Genießt das schöne Wetter, die warmen Sonnenstrahlen und geht vor die Tür! Ich wünsche allen einen schönen Tag!

Eure Katha

 

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