In Erinnerung an unser Sternenkind

Wie man mit der Trauer über eine Fehlgeburt umgehen kann

Es ist jetzt genau drei Jahre her, dass meine erste Schwangerschaft abrupt endete und wir unser Kind zu den Sternen gehen lassen mussten. Die Trauer ist nicht mehr so präsent wie sie damals war, aber sie ist immer noch da.

Wir haben unser Kind still für uns verabschiedet und waren auch noch nicht an seinem Grab, das das Krankenhaus für Sternenkinder vorhält. Am Anfang war die Trauer zu groß, dann kam die Angst, alte Wunden wieder aufzureißen. Bald wollen wir den Schritt wagen und uns das Grab anschauen, uns in Erinnerung rufen, wie groß die Freude über das Krümelchen in meinem Bauch war und wie tief der Sturz als wir hörten, dass alles vorbei sein sollte.

Wie kann man mit dem Verlust umgehen?

Am Anfang war da nur Leere, Erschütterung und Unglauben darüber, was uns da von der Frauenärztin gesagt wurde. Sie sagte, dass das Baby, auf das wir uns so freuten, schlimme Schädigungen aufwies und nicht lebensfähig war. Es gab keine Chance, dass unser Baby bei uns sein würde. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Ich wollte es auch nicht! Ich wollte schlafen und wenn ich wieder aufwachte, würde alles wieder gut sein.

Dann langsam machte sich die Akzeptanz breit, dass das Baby in meinem Bauch nicht leben durfte und die Trauer kam wie ein Hammerschlag. Ich wusste erstmal nicht, wie ich weiter machen sollte, wie ich den Alltag überstehen sollte. Wir hatten uns so auf alles gefreut…auf die ersten Tritte, auf die Namenssuche, die Babyzimmer-Gestaltung…nun war unsere Realität eine andere, schlagartig.

Ich brachte unser Kind in der 14. Schwangerschaftswoche still zur Welt und bevor wir überhaupt unser Baby kennenlernen durften, mussten wir es verabschieden. Wir waren Eltern ohne Kind. Die Ratschläge einiger Außenstehenden waren nicht wirklich hilfreich für uns. Meine Frauenärztin riet mir zum Beispiel, „einfach weiter zu machen, zuviel reden sei auch nicht gut und etwa 30% aller Schwangerschaften endeten sowieso die ersten 12 Wochen“.

Macht die Statistik die Trauer kleiner? Ich glaube irgendwann kann man akzeptieren, dass das Kind nicht leben durfte aber soweit waren wir noch lange nicht. Die Trauer einer Mutter und eines Vaters, die ein Kind verlieren, ist echt. Es ist dabei für die, die den Verlust erleben, nicht weniger schlimm, wenn man einer von vielen ist oder wenn die Schwangerschaft doch schon in der 6. oder 12. Woche endete! Die Trauer über den Verlust ist ein echtes Gefühl, das da ist und seinen Platz braucht.

Wir als Paar haben darüber geredet und mir war auch egal, was die anderen dachten, wenn ich wieder darüber sprach… ob es sie langsam nervte oder sie nicht wussten, was sie sagen sollten. Für die Einen ist es richtig, über den Verlust zu sprechen, Andere machen es wieder mit sich selbst und mit dem Partner aus.

Ich wurde von meiner Ärztin krank geschrieben, um Ruhe zu finden und die Trauer zu verarbeiten. Das war gut für mich, denn ich konnte mir nicht vorstellen, die nächsten Tage nach der stillen Geburt mit dem ganzen Alltag weiterzumachen. Zu allem Überfluss schien das meiner damaligen Chefin nicht zu passen und ich wurde noch in meiner Abwesenheit gekündigt. Eigentlich war ich zum Kämpfen zu kraftlos und trotzdem wollte ich mir diesen Schlag ins Gesicht nicht gefallen lassen – vor dem Arbeitsgericht bekam ich naürlich Recht!

Abschiedsrituale können helfen

Wir haben unser Kind nicht gesehen als ich es still zur Welt brachte. Das wollten wir nicht, da das Kind noch ziemlich klein und sehr schwer geschädigt war. Wir wollten unser Bild von unserem Kind nicht durch die Realität erschüttern, denn wir wussten, wir könnten den Anblick nie vergessen. Für andere Eltern wiederum kann es hilfreich sein, sein Kind zu sehen und sich verabschieden zu können.

Das Verabschieden selbst sollte einen Platz finden und kann mit einem Ritual verbunden werden, z.B. einen Abschiedsbrief schreiben, der Bestattung beiwohnen, einen Luftballon für das Kind steigen lassen. Rituale helfen der Seele, sich zu orientieren und Platz für Neues zu machen.

Wir haben uns dagegen entschieden, bei der offiziellen Trauerfeier für die Sternenkinder teilzunehmen. Ich wollte nicht mit anderen Eltern dort stehen, vielleicht gezwungen werden, auf Fragen zu antworten oder nach unserer Geschichte gefragt werden. Ich war noch nicht so weit. Ich habe einen Abschiedsbrief an unser Kind geschrieben, den wir im Garten unter einen frisch gepflanzten Baum gelegt haben. Das war für uns das Richtige in dem Moment.

Auch kann es helfen, sich professionelle Hilfe bei einem Psychotherapeuten zu suchen oder sich zu Gesprächsgruppen zu treffen und Gleichgesinnte zu finden. Vielerorts gibt es Selbsthilfe-Gruppen für Eltern von Sternenkindern.

Was können Angehörige tun?

Vor allen Dingen zuhören, auch wenn man nicht weiß was man sagen soll oder wie man helfen kann. Gut gemeinte Sätze wie: „das wird schon wieder“ oder „fast jede Frau erlebt mal eine Fehlgeburt“ und „ihr bekommt schon noch ein Kind“, helfen nicht. Sie verletzen nur zusätzlich, weil sie den Trauernden nicht da abholen, wo er mit seiner Trauer steht. Im Gegenteil ist es überhaupt nicht schlimm zuzugeben, dass man nicht weiß wie man helfen kann.

Meist ist es erstmal wichtig, dass der Tod des eigenen Kindes nicht ignoriert wird oder das Gespräch mit den betroffenen Eltern im Freundes- oder Familienkreis vermieden wird. Offen und ehrlich zu sein, wenn man überfordert ist und nicht weiß, wie man mit dem Thema umgehen kann ist der bessere Weg als das Geschehene totzuschweigen.

Hilfe im Netz gibt es zum Beispiel bei www.sternenkinder-eltern.de oder bei www.schmetterlingskinder.de.

Ich habe lange überlegt, ob ich darüber schreiben soll, was uns passiert ist. Letztendlich habe ich mich dazu entschieden, weil ich finde, dass unsere Sternenkinder kein Tabu-Thema sein sollten. Unser Sternenkind wurde geliebt und hoffnungsvoll erwartet, also wollen wir es auch nicht vergessen.

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